Shogun
Man sollte auch uns unser eigenes Viertel gestatten, Euer Gnaden. Yedo ist eine neue Stadt; vielleicht seid Ihr geneigt, ein bestimmtes Areal für unsere Welt der Weidenruten zu reservieren. Bringt alle Teehäuser innerhalb der Mauern dieses Viertels unter, und verbietet alle Teehäuser außerhalb – auch die allerbescheidensten.«
Jetzt beschäftigte er sich ausschließlich mit diesem Vorschlag, denn der Einfall enthielt ungeahnte Möglichkeiten. Er war so gut, daß er erbost darüber war, nicht selbst schon auf diese Idee gekommen zu sein. Alle Teehäuser und alle Kurtisanen innerhalb bestimmter Mauern vereinigt – das bedeutete, daß der Behörde ihre Arbeit außerordentlich erleichtert wurde; sie zu überwachen, die Steuern einzutreiben, und auch sämtliche Kunden im Auge zu behalten, und sie zu bespitzeln. Doch sein Gesicht ließ nichts von seiner Begeisterung erkennen. »Welche Vorteile bringt das, Gyoko-san?«
»Wir sollten unsere eigene Zunft haben, Euer Gnaden – mit allem Schutz, auf die eine anerkannte, auf ein bestimmtes Viertel beschränkte Zunft Anspruch hat – eine Zunft, die gehorchen würde …«
»Gehorchen müßte …«
»Jawohl, Euer Gnaden – gehorchen müßte. Die Zunft hätte dafür zu sorgen, daß die Preise annehmbar und das Niveau gehalten würde.«
»Aber jene Eigentümer innerhalb dieser Mauern beherrschen alles. Sie halten ein Monopol, neh ? Sie können Eintrittspreise verlangen, die reiner Wucher wären, neh ? Können vielen die Tür vor der Nase zumachen, die genauso ein Recht darauf haben, in der Welt der Weidenruten zu arbeiten, neh?«
»Ja, das könnte so sein, Euer Gnaden. Und zweifellos wird das auch an einigen Orten und zu manchen Zeiten vorkommen. Aber es könnten leicht Gesetze erlassen werden, die Ehrlichkeit und angemessene Preise garantieren, und dann würde es sich herausstellen, daß das Gute das Schlechte überwiegt – für uns genauso wie für die verehrten Kunden. Ihr, Euer Gnaden, hättet keinerlei Schwierigkeiten. Jedes Viertel wäre selbstverständlich für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung verantwortlich. Und für die Steuern.«
»Ah ja, Steuern. Zweifellos würde das die Steuereintreibung erleichtern. Das wäre ein Punkt, der sehr dafür spräche.«
Gyokos Augen hafteten auf dem Räucherstäbchen. Die Hälfte war bereits verglimmt. »Ihr in Eurer Weisheit könntet auch verfügen, daß unsere Welt der Weidenruten die einzige in der Welt wäre, die einzige in der ganzen Welt, die für alle Zeiten von allen Steuern befreit sein sollte. Für immer und alle Ewigkeit.« Sie sah ihm offen in die Augen, und ihre Stimme klang durchaus nicht betörend. »Schließlich, Euer Gnaden, wird unsere Welt nicht auch die ›treibende Welt‹ genannt, besteht nicht unser einziges Angebot in Schönheit und ist ein großer Teil der Schönheit nicht die Jugend? Ist nicht was so Fließendes und Vergängliches wie die Jugend ein Geschenk der Götter, das geheiligt ist?«
Die Musik erstarb. Seine Augen blickten unwillkürlich zu Kiku hinüber. Sie betrachtete ihn aufmerksam, ein kleines Stirnrunzeln über den Brauen.
»Ja«, sagte er aufrichtig, »ich weiß, wie vergänglich die Jugend sein kann.« Er nippte an seinem Cha. »Ich werde überdenken, was Ihr gesagt habt. Und zweitens?«
»Zweitens …« Gyoko nahm alle Geisteskraft zusammen. »Zweitens und letztens, Euer Gnaden, könntet Ihr der Welt der Weidenruten für alle Zeit Euren Stempel aufdrücken. Bedenkt, daß einige von unseren Damen – Kiku-san zum Beispiel – von ihrem sechsten Lebensjahr an Gesang, Tanz, Samisen-Spiel studiert haben. Jeden Augenblick hat sie hart daran gearbeitet, es in ihrer Kunst zur Vollendung zu bringen. Man muß zugeben, daß sie mit vollem Recht eine Dame der Ersten Kategorie geworden ist. Ihre einzigartige Kunstfertigkeit berechtigt sie dazu. Trotzdem ist sie immer noch eine Kurtisane, und manche Kunden erwarten, sie nicht nur in ihrer Kunst, sondern auch auf dem Kopfkissen zu genießen. Ich meine, man sollte zwei Klassen von Damen schaffen. Zunächst einmal die Klasse der Kurtisanen wie bisher – sie dienen dazu, zu amüsieren und glücklich zu machen, körperlich vor allem. Dann jedoch eine neue Klasse – vielleicht wäre die Bezeichnung Geisha zutreffend –, Kunst-Personen, Persönlichkeiten, die sich einzig der Kunst widmen. Bei Geishas sollte das Kopfkissen-miteinander-Teilen nicht zur Pflicht gehören. Sie sollten ausschließlich unterhalten, als
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