Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Shogun

Shogun

Titel: Shogun Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: James Clavell
Vom Netzwerk:
eine neuerliche Verneigung zum Ausdruck, wischte dann die Tränen fort und sagte mit fester Stimme: »Dürfte ich daher den Namen der geehrten Person erfahren, für die ihr Kontrakt aufgekauft werden soll?«
    »Yoshi Toranaga-noh-Minowara.«
    Jetzt, unter dem Himmel von Yokosé, da die Nacht angenehm kühl war und Kiku-sans Musik und Stimme Besitz ergriffen hatte von ihren Gemütern und ihren Herzen, ließ Toranaga seine Gedanken schweifen. Er entsann sich des Ausdrucks des Stolzes, der plötzlich über Gyokos Gesicht gegangen war, und abermals dachte er verwundert über die Leichtgläubigkeit mancher Leute nach. Wie erstaunlich, daß selbst die mit allen Wassern Gewaschenen und Klügsten häufig nur das sehen, was sie sehen wollen, und nur in den seltensten Fällen darüber hinaussehen und das Fadenscheinige aller Fassaden durchschauen. Oder aber sie übersehen die Wirklichkeit, tun sie als Fassade ab. Und wenn dann ihre eigene Welt zusammenbricht und sie auf den Knien hocken und sich den Bauch aufschlitzen oder die Kehle durchschneiden oder sich der Eiseskälte der Großen Leere in die Arme werfen, dann raufen sie sich die Haare, zerreißen ihre Kleider und bejammern ihr Karma, schieben den Göttern die Schuld in die Schuhe, oder den Kami, dem Glück, ihren Herren und Gatten oder ihren Vasallen – allen möglichen Menschen, nur niemals sich selbst.
    Wie außerordentlich bemerkenswert!
    Er betrachtete seine Gäste und sah, daß sie alle immer noch gebannt Kiku-san beobachteten, eingelullt von ihrer Kunstfertigkeit – alle bis auf den Anjin-san, der höchst empfindsam und unruhig hin und her rutschte. Keine Sorge, Anjin-san, dachte Toranaga belustigt, das liegt nur daran, daß du immer noch kein zivilisierter Mensch bist. Keine Angst, das kommt noch. Aber selbst das spielt keine Rolle, solange du nur gehorchst. Im Augenblick brauche ich deine Empfindlichkeit, deinen Zorn und deine Gewalttätigkeit.
    Jawohl, ihr alle hier. Du, Omi, Yabu, Naga und Buntaro, und auch du, Mariko, und Kiku-san und selbst Gyoko, alle meine Izuer Habichte und Falken, alle locke gemacht und bereit, auf Beute angeworfen zu werden – nur allzu bereit. Alle hier bis auf einen – den christlichen Priester. Und bald bist auch du an der Reihe, Tsukku-san. Vielleicht sogar ich selbst.
    Pater Martin Alvito von der Gesellschaft Jesu war außer sich vor Zorn. Ausgerechnet in dem Augenblick, da er sich auf seine Begegnung mit Toranaga vorbereitete, mußte er mit dieser neuerlichen Schändlichkeit fertig werden, die keinen Aufschub duldete. »Was habt Ihr zu Euren Gunsten vorzubringen?« fauchte er den japanischen Priesterschüler an, der unterwürfig vor ihm kniete. Die anderen Brüder standen im Halbkreis im kleinen Raum um ihn herum.
    »Bitte, vergebt mir, Pater, aber ich habe gesündigt«, stotterte der völlig gebrochene Mann. »Bitte, vergebt …«
    »Ich wiederhole: Gott dem Allmächtigen in seiner Weisheit ist es gegeben zu vergeben, nicht mir. Ihr habt eine Todsünde begangen. Ihr habt Euer heiliges Gelübde gebrochen. Nun?«
    Die Antwort war kaum zu hören. »Ich bereue, Pater.« Der Mann war dünn und ausgemergelt. Getauft war er auf den Namen Joseph, und er war dreißig Jahre alt. Seine Mitschüler, allesamt Laienbrüder der Gesellschaft Jesu, zählten zwischen achtzehn und vierzig Jahren. Alle trugen sie die Tonsur, alle entstammten sie edlen Samurai-Geschlechtern aus sämtlichen Provinzen Kyushus, und alle waren sie streng auf das Priesteramt vorbereitet worden, wiewohl noch keiner von ihnen die heiligen Weihen empfangen hatte.
    »Ich habe gebeichtet, Pater«, sagte Bruder Joseph und hielt das Haupt gesenkt.
    »Und Ihr meint, das sei genug?« Ungeduldig wandte Alvito sich ab und trat ans Fenster. Er starrte in die Nacht hinaus, lauschte halb Kikus fernem Gesang, der sich hoch über das Rauschen des Flusses erhob. Alvito wußte, solange die Kurtisane nicht geendet hatte, würde Toranaga nicht nach ihm rufen lassen. »Dreckige Hure«, sagte er zu sich, und die klagenden Dissonanzen des japanischen Gesangs reizten ihn mehr als sonst, ja vertieften noch seinen Groll über Josephs Treuebruch.
    »Hört mich an, Brüder«, sagte Alvito zu den anderen, indem er sich wieder ihnen zuwandte. »Wir sitzen zu Gericht über Bruder Joseph, der gestern abend zu einer Hure dieser Stadt gegangen ist und damit das heilige Gelübde der Keuschheit sowie das heilige Gelübde des Gehorsams gebrochen hat. Vor Gott frage ich jeden von Euch – habt Ihr

Weitere Kostenlose Bücher