Shogun
Bei Gott, ich bete darum, daß sie anderen Sinnes werden. Wir, der Pater Visitator und ich, haben Euch gegenüber unser Wort verpfändet, es zu versuchen, bei Gott. Wir haben unser Versprechen erfüllt. Und so wahr uns Gott helfe – es ist uns nicht gelungen.«
»Dann werde ich verlieren«, sagte Toranaga. »Das wißt Ihr doch, nicht wahr? Wenn sie sich mit Ishido gegen mich verbünden, dann werden alle christlichen Daimyos sich auf seine Seite schlagen. Das bedeutet: Zwanzig Samurai gegen einen von meinen. Neh?«
»Ja.«
»Welchen Plan verfolgen sie? Wann werden sie mich angreifen?«
»Das weiß ich nicht, Euer Gnaden.«
Toranaga blickte hinaus in die Nacht. Er glaubte, unter der Last seiner Sorgen schier zusammenzubrechen. Muß ich dann doch ›Blutiger Himmel‹ befehlen? fragte er sich hilflos. Den dummen Vorstoß auf Kyoto, der einfach fehlschlagen muß?
Er haßte die Zwickmühle, in der er steckte. Wie der Taikō und Goroda vor ihm, mußte er die christlichen Priester dulden, weil diese Priester von den portugiesischen Kaufleuten genausowenig wegzudenken waren wie Fliegen von einem Pferd. Ohne die Priester kein Handel. Ihr guter Wille als Vermittler bei der Operation des Schwarzen Schiffes war unbedingt nötig, weil sie beide Sprachen sprachen und beide Seiten ihnen vertrauten. Wollte man den Priestern das Reich jemals ganz verbieten, würden alle Barbaren gehorsam davonsegeln und niemals wieder zurückkehren. Er erinnerte sich, daß der Taikō einmal versucht hatte, die Priester loszuwerden, den Handel aber trotzdem weiterlaufen zu lassen. Zwei volle Jahre lang waren keine Schwarzen Schiffe gekommen. Spione hatten berichtet, der Oberpriester der Jesuiten, Pater Riese, sitze wie eine giftige schwarze Spinne in Macao und habe befohlen, als Vergeltungsmaßnahme gegen die Ausweisungsedikte des Taikō jeden Handel zu verbieten; denn er hatte gewußt, daß der Taikō am Ende zu Kreuze kriechen mußte. Im dritten Jahr hatte dieser sich dem Unabänderlichen gebeugt und die Priester aufgefordert zurückzukommen.
Der Wirklichkeit kann man nicht entrinnen, dachte Toranaga. Geschweige denn der schlimmsten aller Wirklichkeiten, dem Schreckgespenst, das insgeheim Goroda und den Taikō gelähmt hatte und das jetzt wieder sein Schandhaupt erhebt: daß die fanatischen, furchtlosen christlichen Priester, wenn man sie zu weit trieb, ihren gesamten Einfluß und ihre ganze Handelsmacht und Überlegenheit auf See aufbieten würden, um sie zugunsten eines der großen christlichen Daimyos in die Waagschale zu werfen. Des weiteren würden sie dann eine Invasionsstreitmacht von eisengekleideten, nicht minder fanatischen, mit den modernsten Musketen ausgerüsteten Conquistadores auf die Beine stellen, um diesen einen christlichen Daimyo zu unterstützen – wie sie es letztes Mal ums Haar getan hätten. An sich stellen noch so viele landende Barbaren und ihre Priester unseren überwältigenden vereinigten Streitkräften gegenüber keine Bedrohung dar. Doch als Verbündete eines unserer eigenen christlichen Daimyo mit seinen Samurai-Armeen könnten sie zur absoluten Macht über uns alle verhelfen.
Kiyama oder Onoshi? Jetzt liegt es auf der Hand, daß das der Plan ist, welchen die Priester insgeheim verfolgen. Der Zeitpunkt, den sie sich dazu ausgesucht haben, ist genau richtig. Aber: welcher Daimyo?
Beide, wobei ihnen zunächst sogar noch Harima von Nagasaki helfen wird. Wer aber wird als letzter das Banner hochhalten? Kiyama – denn Onoshi ist leprakrank und wird nicht mehr lange auf dieser Erde weilen, und die Belohnung dafür, daß Onoshi seinen gehaßten Feind und Rivalen Kiyama unterstützt, ist offensichtlich das Versprechen eines schmerzlosen ewigen Lebens im christlichen Himmel, wo er zur Rechten des Christengottes thronen wird.
Gemeinsam gebieten sie jetzt über vierhunderttausend Samurai. Ihr großer Rückhalt ist Kyushu, und diese Insel ist vor meinem Zugriff sicher. – Gemeinsam könnten die beiden ohne weiteres die ganze Insel unterjochen, und dann stünden ihnen jede beliebige Zahl von Kriegern, unbeschränkte Mengen Nahrungsmittel und sämtliche für eine Invasion nötigen Schiffe, die gesamte Seide und Nagasaki zur Verfügung. Im ganzen Reich gibt es vielleicht fünf- oder sechshunderttausend Christen, über die Hälfte davon – die von den Jesuiten bekehrten – sind Samurai und gleichmäßig verstreut unter den Streitkräften aller Daimyos, ein grenzenloses potentielles Reservoir von Verrätern,
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