Silber
gegenüber am Tisch und schlürfte einen doppelten Espresso aus einer lächerlich kleinen Tasse.
Er sah aus, als ob er seit mindestens einer Woche nicht mehr geschlafen hätte. Der zerzauste Look mit dem Schlafzimmerblick machte beim schönen Geschlecht bestimmt großen Eindruck, dachte Noah. Neri sah weniger wie ein Mann aus, der die Frauen liebte und sie dann wieder verließ, sondern viel eher wie einer, der die ganze Geschichte mit der Liebe übersprang und direkt zu seinem Scheckheft griff, um die Alimente zu zahlen. Er starrte Noah so durchdringend an, dass es schon fast unangenehm war.
Das war allerdings nicht verwunderlich, denn Neri war ein Carabiniere.
In Rom gab es ein halbes Dutzend verschiedener Zuständigkeitsebenen der Polizei, von den Verkehrspolizisten über die Gefängniswärter und Forstschutzbeamten bis hin zu den normalen Streifenpolizisten. Die Carabinieri standen allerdings abseits dieser Aufteilung, sie waren die Militärpolizei.
Man sah es Neri nur an den Augen an, dachte Noah, der den Mann ebenfalls unverhohlen musterte. Wenn er den Beruf des Mannes hätte raten müssen, hätte er wohl auf einen Journalisten getippt. Die Pistole, die er lässig am Gürtel trug, schloss diese berufliche Laufbahn jedoch aus.
„Also“, sagte Neri, und stellte die Espressotasse auf der billigen weißen Untertasse ab. Der Kaffee hatte einen fast schwarzen Fleck auf der Innenseite der Tasse hinterlassen. Noah wollte sich nicht vorstellen, was der Rest davon gerade mit der Magenschleimhaut des Inspektors anstellte. „Sie glauben, dass das alles irgendwie mit dem Selbstmord auf der Piazza San Pietro vor zwei Tagen zusammenhängt?“
Noah nickte.
In den Nachrichten kamen die ersten Berichte über die Ereignisse in Berlin, deshalb nahm Neri ihn ernster, als er es noch vor zwei Stunden getan hätte. Das Gefühl der Bedrohung war plötzlich viel unmittelbarer geworden, und das hier war Neris Stadt. Der Carabiniere rieb sich mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken, als er überlegte, was das Gehörte für Rom bedeutete.
„Verzeihen Sie mir die Unverblümtheit, Mister Larkin, aber vor einer Stunde hat mein Büro bei Ihrem Außenministerium angerufen. Dort streitet man ab, Sie zu beschäftigen, was mich, ehrlich gesagt, nicht sonderlich überrascht hat. Wann hat ihre Regierung schon jemals zugegeben, Spionage zu betreiben?“
„Ich bin kein Spion“, sagte Noah.
Der Italiener überhörte den Einwand und fuhr fort, als ob er einen Kriminalfall präsentieren würde. „Trotz der Tatsache, dass Sie keinen Rückhalt für ihre abenteuerlichen Behauptungen haben, wissen Sie eindeutig zu viel von dem, was auf der Piazza passiert ist, als dass Sie nicht von einem Geheimdienst kommen könnten. Entweder ist es das, oder Sie waren direkt involviert. Deshalb muss ich mich fragen: Waren Sie daran beteiligt? Sie sehen nicht aus wie ein Terrorist.“ Er lachte leise. „Nicht, dass einer von uns wüsste, wie ein Terrorist aussieht, nicht wahr?“
„Wahrscheinlich nicht“, sagte Noah. Er entschied sich dagegen, noch mehr zu sagen. Neri würde früher oder später von selbst zur Sache kommen.
Neri griff in seine Tasche und zog eine zerbeulte Tabakdose daraus hervor. Er öffnete sie, entnahm ihr die Zutaten für eine dünne Selbstgedrehte und rollte den Tabak geschickt mit den Fingern in ein Lakritz-Papierchen ein. Es war eine sehr routinierte Bewegung, die er ausführte, ohne darüber nachdenken zu müssen. Er steckte sich die Zigarette in den Mund, kramte ein Feuerzeug aus der Tasche, drehte das Zündrad über den Feuerstein und ließ einen zufriedenen Seufzer hören, nachdem er den Rauch inhaliert hatte. Er nahm einen zweiten, tiefen Zug und stieß den Rauch durch die Nase aus, bevor er seinen Gedanken wieder aufnahm. „Ich könnte auch annehmen, dass unser Mister Larkin ein bekannter Journalist ist, dort, wo er herkommt, und dass er hier auf der Jagd nach einer guten Story ist. Das wäre eine vernünftige Vermutung. Nur scheint dummerweise keine der Zeitungen Ihres Landes zu wissen, wer zum Teufel Sie sind. Also sind Sie kein Journalist, und Sie arbeiten nicht für Ihre Regierung; das bringt mich in eine Zwickmühle. Was ich damit sagen will, ist Folgendes: Ich weiß nicht, warum ich Sie nicht an Ort und Stelle verhaften sollte.“
„Wenn Sie glauben würden, dass ich etwas mit der Sache zu tun habe, hätten Sie sich kaum mit mir in diesem eher teuren Café getroffen, oder?“
„Vielleicht sind die beiden
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