Spuren im Nichts
auch er lachte immer wieder an den falschen Stellen.
Bevor sie schlafen gingen, reaktivierte er die KI, jedoch ohne ihr die Kontrolle über die Systeme zurückzugeben. »Ham, hast du zwischenzeitlich Fortschritte mit dem Virus gemacht?«
Die falschen Fenster zeigten auf einen Ozean hinaus. In der Ferne sah Kim einen blasenden Wal.
»Ham?«, wiederholte Solly. »Antworte mir.«
Er warf Kim einen ernsten Seitenblick zu und versuchte es erneut. Die KI hatte noch nie länger als eine oder höchstens zwei Sekunden zu einer Antwort benötigt.
Kim stand auf, steckte die Hände in die Taschen und wandte sich von den Fenstern ab. »Sieht so aus, als wäre die KI jetzt ganz abgestürzt«, sagte sie.
»Sieht so aus, ja.«
»Ist so etwas überhaupt schon jemals passiert?«
»Noch nie. Aber es ist auch das allererste Mal, dass ich eine KI abschalten musste. Vielleicht führt das dazu, dass sie nicht mehr mit uns redet.«
»Ham?«, fragte Kim. »Bist du da?«
Sie gingen hinauf zur Brücke. Solly setzte sich an seine Konsole und startete eine Diagnose der Systeme. »Es wird ein paar Minuten dauern«, sagte er.
Die Fenster zeigten die gleiche Meereslandschaft, diesmal ohne blasenden Wal.
»Wenn wir wieder zu Hause sind«, fragte sie plötzlich, »dann wirst du mich nicht verlassen, oder?«
Er blickte sie an, dann nahm er sie in die Arme. »Nein. Ich liebe dich.«
Sie küssten sich.
»Kim …?«
»Ja?«
»Möchtest du mich heiraten?«
Es kam ohne jede Warnung. »Ja«, sagte sie und hatte Mühe, ihre Stimme zu kontrollieren. »Ich glaube, das würde ich sehr gerne.«
Das Diagnoseprogramm summte. Keine Probleme. Alles war in bester Ordnung.
»Das kann nicht sein«, sagte Solly. »Wir können ja nicht einmal mit der KI reden!«
Solly tischte an diesem Abend das Beste auf, was die Bordküche zu bieten hatte, zur Feier ihrer Verlobung. Sie liebten sich bei Kerzenlicht und leiser Musik, bevor sie in ihr gemeinsames Schlafzimmer zurückkehrten.
Obwohl sie ganz allein an Bord waren, achtete Kim stets darauf, dass die Schlafzimmertür geschlossen war. In dieser Nacht jedoch trug Solly sie über die Schwelle und warf sie auf die Matratze und die Kissen, also blieb die Tür zum ersten Mal offen.
Die Nacht zog sich hin, mit gelegentlichen Pausen für Solly, während derer sie über ihre Zukunft redeten. Dann erwachte in ihm erneut die Lust, und sie gab sich ihm voller Freude hin.
Solly war in jener Nacht fast unerschöpflich. Trotzdem kam irgendwann der Augenblick, als er sich zur Seite rollte und alle viere von sich streckte.
Sie warf sich auf ihn und genoss seine Lippen auf ihrem Hals und seine Hände, die ihren Körper streichelten. Die Beleuchtung überall an Bord war gedämpft, wie nachts üblich, was bedeutete, dass der Korridor draußen hinter der offenen Tür bis auf das schwache Licht der Notbeleuchtung dunkel lag.
Sie warf den Kopf voll Ekstase in den Nacken, stöhnte und seufzte, teilweise, weil ihr danach war, teilweise, weil sie wusste, dass er es mochte. Ihr Blick fiel durch die offene Tür.
Und sie sah eine Bewegung.
Es war ein Schimmer, ein Schatten, etwas ganz am Rand der Wahrnehmung, und doch war es da.
Ihre Lust war augenblicklich verflogen, und sie wollte, dass Solly aufhörte, doch er war in voller Fahrt.
Irgendetwas nahm dort draußen Gestalt und Form an.
Ein Augenpaar. Unmittelbar draußen vor der Tür, oben an der Decke.
Und mit einem Mal war sie wieder zurück in Kanes Villa, voller Angst und Entsetzen wegen des kühlen, emotionslosen Blicks dieses Dings in dem anderen Korridor unter Wasser. Solly hielt sie immer noch, und seine Hände spielten mit ihr. Sie streifte sie ab und rollte sich vom Bett. Ohne den Blick von dem Ding abzuwenden, gestikulierte sie Solly, dass etwas nicht stimmte. Sie tastete nach einem Gegenstand, den sie als Waffe benutzen konnte, doch das Beste, was sie finden konnte, war ein Haftschuh.
»Was ist denn?«, fragte er verwirrt.
Die Augen besaßen die gleiche smaragdene Farbe wie jene in Kanes Villa, doch diese hier waren golden gesprenkelt. Vertikal stehende Iris. Katzenaugen. Kalt, leidenschaftslos, analytisch. Ganz ähnlich jenen in Kanes Villa. Doch in diesen Augen hier stand kein Wahnsinn. Nur Feindseligkeit.
Die Augen waren körperlos.
Sie schwebten wenige Zentimeter unterhalb der Decke.
Solly starrte sie an, doch sie hielt ihn mit ausgestreckter Hand von sich in dem Versuch, ihn zum Stillhalten zu bringen. Sie fand die Fernbedienung auf einem
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