Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Stadtgeschichten - 03 - Noch mehr Stadtgeschichten

Stadtgeschichten - 03 - Noch mehr Stadtgeschichten

Titel: Stadtgeschichten - 03 - Noch mehr Stadtgeschichten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Armistead Maupin
Vom Netzwerk:
die Kinder sich zurückgezogen hatten, begab Frannie sich mit einem Roman von Barbara Cartland zu Bett.
    Kurz nach Mitternacht drang Stöhnen aus DeDes Zimmer.
    Die Matriarchin kletterte umständlich aus dem Bett, ging den Flur entlang und horchte an der Tür ihrer Tochter.
    »Nein, Dad. BITTE, DAD … NEIN, BITTE NICHT … O GOTT, HILF MIR! DAD! DAD!«
    Frannie riß die Tür auf und stürzte an DeDes Bett. »Beruhig dich, mein Schatz. Mutter ist ja bei dir, Mutter ist ja bei dir.« Sie wiegte ihre Tochter in den Armen.
    DeDe wachte auf und wimmerte mitleiderregend.
    Nebenan heulten unisono die Zwillinge.

Ein Brief von unterwegs
    Liebe Mary Ann, lieber Brian,
     
    Motown läßt grüßen! Die Tournee läuft soweit ganz hervorragend, obwohl ich bisher noch niemandem begegnet bin, der _____  _______ auch nur im entferntesten ähnlich wäre.
    Gestern vormittag hatten wir auf dem Flug von Lincoln hierher eine 737 ganz für uns allein. Da ging es natürlich rund. Mark Hermes (auch ein Bariton) setzte sich eine Perücke auf, band sich ein Halstuch und eine Schürze um – zwei Teetassen mußten als Ohrringe herhalten – und machte die Stewardess nach, als sie die Handhabung der Sauerstoffmasken erläuterte. Sie war hellauf begeistert. Überhaupt war unser Flugpersonal immer richtig toll – besonders die zwei geilen Northwest-Stewards, die wir auf dem Flug von Chicago nach Minneapolis hatten (nicht im Wortsinn, leider). Der eine war schwul, bei dem anderen war es fraglich. Natürlich fand ich den toll, bei dem es fraglich war.
    Ihr werdet es kaum glauben, aber Lincoln war bisher der absolute Höhepunkt. Die dortigen Homos organisierten uns zu Ehren einen reizenden kleinen Jeder-bringt-was-mit-Brunch im Antelope Park. (Überhaupt war ich schon bei so vielen Jeder-bringt-was-mit-Festivitäten, daß ich mir langsam wie eine Lesbe vorkomme.) Die wichtigste Schwulenbar in Lincoln heißt – ist das diskret genug? -The Alternative. Dort laufen jede Menge schlechte Fummelshows. Weiße Jungs, die einen auf Aretha Franklin machen und so. Wir entschieden uns größtenteils für die Alternative zum Alternative – ein Laden, der Office Lounge heißt. Da drin war es so stickig, daß wir nach dem ersten Rumgehopse die Hemden auszogen. Ein ziemlicher Tabuverstoß! Anscheinend ist es in Nebraska gesetzlich verboten, sein Hemd auszuziehen.
    Unsere Herren Kammersänger sollten in Lincoln bei Channel 10 auftreten, doch in letzter Minute sagte der Leiter des Senders ab, weil er »die Leute nicht mit der Nase darauf stoßen wollte« – was »darauf« auch immer sein soll. Im großen und ganzen waren die Leute aber wunderbar. Das Publikum in der First Plymouth Church bestand etwa zur Hälfte aus alten Damen. Alte Damen erkennen immer sofort, wer »ein netter junger Mann« ist.
    In Dallas war wenig Publikum vielleicht, weil die News, die Morgenzeitung von Dallas, sich geweigert hatte, unsere Anzeigen abzudrucken. Unser Trost war eine private Poolparty, die in Highland Park im eleganten Haus eines schwulen Arztes stattfand, der – ungelogen! – Ben Casey hieß. Ein paar von den Jungs führten zur Musik von »Tea for Two« ein eindrucksvolles Unterwassernacktballett auf.
    Wir wohnten im Ramada Inn von Mesquite, Texas – das ist ein Vorort von Dallas, aber vor allem die Stadt, die der Welt den Haarspray geschenkt hat –, und hatten im dortigen Denny’s einen Bombenerfolg. Eine von den Kellnerinnen – sie hieß Loyette (low-ette ausgesprochen) – meinte, wir wären der größte Hit, seit Elvis tot ist. Ach ja: Im Ramada Inn ging uns das heiße Wasser aus. Hundertfünfunddreißig Tunten ohne heißes Wasser. Das war gar nicht schön. Wie das Schicksal so spielt, war der angenehmste Platz in der ganzen Stadt das Dampfbad an der First Baptist Church – ein riesiger Komplex im Zentrum von Dallas, der ungefähr vier Häuserblocks im Quadrat umfaßt. Eine Menge Organisten hingen da rum, wenn Ihr versteht, was ich meine.
    Nach dem Konzert in Minneapolis gingen ein paar von uns in eine Kneipe, die The Gay Nineties heißt. So hieß sie wohl schon vor Jahren, als sie noch der älteste Stripladen in der Stadt war. Es gibt dort drei separate Räume – einen für Lederkerle, einen für Discotrinen und einen für die geschniegelten Bubis. Ich lief unentschlossen herum, weil ich meine übliche Identitätskrise hatte. Ned spazierte sofort in die Lederabteilung und sackte dort so viele Telefonnummern ein, daß er nachher aussah wie die Klowand in der

Weitere Kostenlose Bücher