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Stefan Zweig - Gesammelte Werke

Stefan Zweig - Gesammelte Werke

Titel: Stefan Zweig - Gesammelte Werke Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Stefan Zweig
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Ungerechtigkeit, jung mit seiner Jugend, leidenschaftlich mit seiner Leidenschaft. Und er ist gealtert mit ihr: unabwendbar sieht er schon neue Wellen sich über ihn heben und sein Werk stürzen. Rings um ihn sind, die mit ihm Revolutionäre waren, Konservative geworden und kämpfen gegen die neue Jugend, wie sie als Jugend gegen die Alten gekämpft hatten: nur die Kämpfer wechseln, der Kampf bleibt derselbe. Johann Christof aber lächelt und blickt freundlich auf die Neuen; denn er liebt das Leben mehr als sich selbst. Vergebens sucht sein Freund Emanuel ihn zu bewegen, sich zu verteidigen und moralisch eine Generation zu verurteilen, die alles für nichtig erklärt, was sie mit der Aufopferung einer ganzen Existenz als wahr erkannten. Christof aber fragt: »Was ist wahr? Es geht nicht an, die Sittlichkeit einer Generation mit dem Maßstab der früheren zu messen«; und als der andere ihn mit dem gefährlichen Argumente drängt: »Wozu haben wir dann ein Maß für das Leben gesucht, wenn wir es nicht zum Gesetz erheben sollen?«, deutet er groß auf das Ewige des Ablaufs: »Sie haben von uns gelernt, sie sind undankbar: das ist die Ordnung der Dinge. Aber durch unsere Anstrengung bereichert, gehen sie weiter als wir, sie verwirklichen, was wir versucht haben. Falls noch etwas von Jugend in uns steckt, laß uns von ihnen lernen und uns zu verjüngen suchen. Und können wir’s nicht mehr, sind wir zu alt, so laß uns wenigstens uns noch daran erfreuen.«
    Generationen müssen wachsen und absterben wie die Menschen: alles Irdische ist an Natur gebunden, und der große Gläubige, der freie Fromme beugt sich dem Gesetz. Aber er verkennt nicht (und das ist eine der tiefsten kulturhistorischen Erkenntnisse dieses Buches), daß auch dieser Ablauf, dieser Wechsel der Werte seine eigene zeitliche Rhythmik hat. Früher umfaßte eine Epoche, ein Stil, ein Glaube, eine Weltanschauung ein Jahrhundert, jetzt nicht einmal mehr ein Menschenleben, kaum eine Dekade. Der Kampf ist hitziger, ungeduldiger, nervöser geworden, die Menschheit verbraucht mehr und verdaut rascher Ideen. »Die Entwicklung des europäischen Gedankens ging mit immer hastigerem Schritt vorwärts, man hätte meinen können, daß sie mit den technischen Motoren immer geschwinder würde… Der Vorrat an Vorurteil und Hoffnung, der einst genügt hatte, zwanzig Jahre die Menschheit zu ernähren, ist in fünf Jahren verbraucht, die geistigen Generationen galoppieren eine hinter der anderen und oft übereinander fort.« Und die Rhythmik dieser geistigen Verwandlung ist die eigentliche Epopöe dieses Romans. Wie Johann Christof von Paris nach Deutschland zurückkehrt, erkennt er Deutschland kaum wieder, wie er von Italien Paris aufsucht, nicht mehr Paris: es ist da und dort noch die alte »foire sur la place«, der alte Jahrmarkt, aber man handelt andere Werte darauf, andere Glauben und andere Ideen mit dem gleichen Geschrei. Zwischen Olivier und seinem Sohn Georg liegt eine geistige Welt: was jenem das Teuerste war, ist seines Sohnes Verachtung. Zwanzig Jahre sind eine Kluft.
    Das fühlt Christof, und das fühlt sein Dichter mit ihm. Das Leben will ewig neue Formen, es läßt sich nicht dämmen in Gedanken, nicht einschließen in Philosophien und Religionen: immer sprengt es eigenwillig den Begriff. Jede Generation versteht nur sich selbst, ihr Wort ist immer nur ein Vermächtnis an unbekannte Erben, die es dann auslegen und erfüllen in ihrem eigenen Sinne. Die Wahrheit gehört einzig bloß dem, der sie für sich erobert, jedem Menschen, jedem Geschlecht. »Vérité! Il n’y a pas de vérité. Il n’y a que des hommes, qui peinent pour la chercher. Respectez-vous les uns les autres.« »Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Menschen, die sie mühevoll suchen. Es gibt kein freies Volk und keine Freiheit: es gibt nur freie Menschen.« Ihr Leben ist die einzige Lehre für die andern. Und als ein Vermächtnis seiner tragischen und einsamen Generation gibt Rolland darum sein großes Bild einer freien Seele, »den freien Seelen aller Zeiten und Völker, die leiden, die kämpfen und die siegen werden«, mit den Worten: »Ich habe die Tragödie einer Generation geschrieben, die im Schwinden begriffen ist. Ich habe nichts von ihren Lastern und ihren Tugenden zu verheimlichen gesucht, nichts von der auf ihr lastenden Traurigkeit, ihrem wirren Hochmut, ihrem heldenhaften Bestreben im Ertragen des Leides, das eine übermenschliche Aufgabe ihnen erdrückend aufgebürdet hat, ein

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