Stefan Zweig - Gesammelte Werke
nach einem einzigen unsichtbaren System nur Haß erzeugt und verbreitet. Die apokalyptische Ahnung des Sehers ist übertroffen.
Eine Sintflut von Haß und Blut, wie sie selbst diese alte, mit Blut bis in die untersten Tiefen getränkte Erde Europas nie gekannt hat, überschwemmt ein Land nach dem andern. Und Romain Rolland gedenkt des tausendjährigen Mythus: er weiß, man kann eine verlorene Welt, eine verworfene Generation nicht von ihrem eigenen Wahn erretten. Man kann nicht mit einem Hauch menschlichen Mundes, mit nackten irdischen Händen einen Weltbrand auslöschen. Man kann nur zu hindern suchen, daß andre Öl in diese Flammen schütten, diese Frevler zurückpeitschen mit Hohn und Verachtung. Und man kann eine Arche bauen, um aus der Sintflut das geistig Kostbarste der selbstmörderischen Generation einer späteren zu übermitteln, sobald die Wogen des Hasses wieder gesunken sind. Man kann ein Zeichen aufrichten über die Zeit, an dem sich die Gläubigen erkennen, einen Tempel der Eintracht inmitten der blutigen Felder der Völker und doch hoch über ihnen.
Innerhalb der entsetzlichen Organisationen der Generalstäbe, der Technik, der Lüge, des Hasses träumt Rolland von einer andern Organisation: von einer Gemeinschaft der freien Geister Europas. Die führenden Dichter, Gelehrten, sie sollen die Arche sein, die Bewahrer der Gerechtigkeit in diesen Tagen des Unrechts und der Lüge. Während die Massen, betrogen von den Worten, in blindem Hasse gegeneinander wüten, sie, die einander nicht kennen, könnten die Künstler, die Dichter, die Gelehrten Deutschlands, Frankreichs, Englands, sie, die doch seit Jahrzehnten an gemeinsamen Entdeckungen, Fortschritten, Ideen schaffen, sich zusammentun zu einem Tribunal des Geistes, das mit wissenschaftlichem Ernste alle Lügen zwischen ihren Völkern ausroden und über ihre Nationen miteinander hohe Zwiesprache führen würde. Denn daß sich die großen Künstler, die Forscher, mit den Verbrechen des Krieges nicht identifizieren würden, nicht ihre Gewissensfreiheit verschanzen hinter einem bequemen »right or wrong – my country« , war Rollands tiefste Hoffnung. Seit hunderten von Jahren schon hatten – mit wenigen Ausnahmen – die geistigen Menschen das Widrige des Krieges erkannt. Aus dem mit mongolischer Herrschgier ringenden China ruft vor fast tausend Jahren schon Li Tai Pe sein stolzes
»Verflucht der Krieg! Verflucht das Werk der Waffen!
Es hat der Weise nichts mit ihrem Wahn zu schaffen.«
Und dieses »Es hat der Weise nichts mit ihrem Wahn zu schaffen« schwingt als unsichtbarer Kehrreim durch alle Äußerungen der geistigen Menschen des europäischen Zeitalters. In lateinisch geschriebenen Briefen – der Sprache, die ihre übernationale Gemeinschaft symbolisch bekundet – tauschen die großen humanistischen Gelehrten mitten im Kriege ihrer Länder Kümmernis und philosophische Tröstung über den Mordwahn der Menschen aus; für die Deutschen des 18. Jahrhunderts spricht Herder am deutlichsten, als er sagt: »Vaterländer gegen Vaterländer im Blutkampf ist der ärgste Barbarismus«; Goethe, Byron, Voltaire, Rousseau begegnen einander in einer Verachtung der sinnlosen Schlächtereien. So müßten auch heute, meint Rolland, die führenden Intellektuellen, die großen unbeirrbaren Forscher, die menschlichsten unter den Dichtern, alle in einem gemeinsamen Jenseits vom einzelnen Irrtum ihrer Nationen stehen. Auf allzu viele, die sich so ganz von der Leidenschaft der Zeit loszulösen vermöchten, wagt er freilich nicht zu hoffen, aber geistige Dinge erhalten ihr Gewicht nicht von der Zahl: ihr Gesetz ist nicht das der Armeen. Auch hier gilt Goethes Wort: »Alles Große und Gescheite existiert nur in der Minorität. Es ist nie daran zu denken, daß die Vernunft populär werde. Leidenschaften und Gefühle mögen populär werden, aber die Vernunft wird immer nur ein Besitz einiger Vorzüglicher sein.« Diese Minorität kann aber durch Autorität zur spirituellen Macht werden. Und vor allem, sie kann ein Bollwerk gegen die Lüge sein. Kämen – etwa in der Schweiz – führende freie Menschen aller Nationen zusammen, und kämpften sie gemeinsam gegen jede Ungerechtigkeit, auch die ihres eigenen Vaterlandes, so wäre endlich der in allen Ländern gleich geknechteten und geknebelten Wahrheit ein Asyl, eine Freiheit geschaffen, Europa hätte einen Fußbreit Heimat, die Menschheit einen Funken Hoffnung. In Rede und Gegenrede könnten hier die Besten einer den
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