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Stefan Zweig - Gesammelte Werke

Stefan Zweig - Gesammelte Werke

Titel: Stefan Zweig - Gesammelte Werke Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Stefan Zweig
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noch, fühlt er, und er muß etwas ganz Unsinniges tun, jäh die Arme nach ihr ausstrecken oder zu weinen anfangen oder mit der Gerte nach ihr schlagen, die wie elektrisch in seiner Hand zittert. Mit einem Ruck reißt er das Pferd zurück, daß es sich kurz bäumt. Sie stürmt weiter, hochgereckt, stolz, unnahbar.
    Die andern holen ihn bald ein. Um ihn schwirrt rechts und links ein helles Gespräch, aber die Worte und das Lachen summen sinnlos an ihm vorbei wie das harte Klappern der Hufe. Er quält sich, daß er den Mut nicht fand, ihr von seiner Liebe zu sagen und ihr Geständnis zu erzwingen, und die Begierde, sie zu bändigen, wird wilder und wilder, wie ein roter Himmel fällt sie vor seinen Augen über das Land. Warum hat er sie nicht gehöhnt, wie sie ihn mit ihrem Trotz? Unbewußt treibt er das Pferd, und nun erst, im hitzigen Sausen wird ihm leichter. Da rufen die andern zur Umkehr. Die Sonne ist über den Hügel gekrochen und steht hoch im Mittag. Von den Feldern weht ein weicher, qualmiger Duft her, grell sind die Farben geworden und brennen wie geschmolzenes Gold in die Augen. Schwüle und Schwere bläht sich über das Land, schon traben die verschwitzten Pferde schläfriger, dampfen warm und keuchen. Langsam sammelt sich wieder der Zug, die Heiterkeit ist lässiger, das Gespräch spärlicher geworden.
    Auch Margot ist wieder aufgetaucht. Ihr Pferd ist angeschäumt, weiße Flocken zittern an ihrem Kleid, und der runde Knoten des Haares droht aufzubrechen, so locker halten nur mehr die Spangen. Der Knabe starrt wie verzaubert auf das blonde Geflecht, und der Gedanke, daß es sich plötzlich lösen könnte und niederrauschen in wilden, wehenden Flechten, macht ihn toll vor Erregung. Schon glänzt am Ende der Chaussee das gewölbte Tor des Gartens und dahinter der breite Gang zum Schlosse hin. Vorsichtig lenkt er an den andern vorbei, ist als erster zur Stelle, springt ab, gibt dem herbeieilenden Diener die Zügel und erwartet die Kavalkade. Margot ist eine der letzten. Ganz langsam trabt sie heran, den Körper schlaff zurückgelehnt, erschöpft wie nach einer Wollust. So müßte sie sein, fühlt er, wenn sie ihren Rausch betäubt hatte, so mußte sie gestern, vorgestern abends gewesen sein. Das Erinnern macht ihn wieder ungestüm. Er drängt hin zu ihr. Atemlos hilft er ihr vom Pferde.
    Wie er den Bügel hält, umklammert seine Hand fiebernd das zarte Gelenk ihres Fußes. »Margot«, stöhnt er, murmelt er leise. Sie antwortet nicht einmal mit einem Blick und faßt geladen beim Niedersprung die hingereichte Hand.
    »Margot, wie wunderbar bist du«, stammelt er noch einmal. Sie sieht ihn scharf an, die Braue schneidet sich wieder hoch in die Stirne. »Ich glaube, du bist betrunken, Bob! Was schwätzest du da?« Aber zornig über die Verstellung, blind vor Leidenschaft preßt er die noch immer gehaltene Hand fest an sich, als wollte er sie in seine Brust bohren. Da gibt ihm Margot, zornig errötend, einen harten Stoß, daß er taumelt, und schreitet rasch an ihm vorbei. So rasch, so zuckend rasch ist dies alles geschehen, daß keiner es bemerkt hat und daß ihm nun selber dünkt, es sei nur ein beängstigender Traum gewesen.
    So blaß ist er, so erregt dann den ganzen Tag, daß ihm die blonde Gräfin beim Vorübergehen ins Haar streift und fragt, ob ihm etwas fehle. So zornig ist er, daß er seinen Hund, der ihm bellend entgegenspringt, mit einem Fußtritt zur Seite jagt, so ungeschickt beim Spiel, daß die Mädchen ihn auslachen. Der Gedanke, daß sie heute abend nicht kommen würde, vergiftet sein Blut, macht ihn böse und unwirsch. Sie sitzen beim Tee zusammen draußen im Garten, Margot ihm gegenüber, aber sie sieht ihn nicht an. Magnetisch angezogen zittern seine Augen immer gegen die ihren hin, aber kühl, wie graues Gestein ruhen die und geben kein Echo. Erbitterung packt ihn, daß sie so mit ihm spielt. Wie sie sich jetzt brüsk von ihm abwendet, ballt sich seine Faust, und er fühlt, er könnte sie ruhig niederschlagen.
    »Was hast du denn, Bob, du bist ja ganz blaß«, sagt da plötzlich eine Stimme. Es ist die kleine Elisabeth, Margots Schwester. In ihren Augen glänzt ein warmes, weiches Licht, aber er merkt es nicht. Er fühlt sich irgendwie ertappt und sagt wütend: »Laßt mich doch einmal in Ruh mit eurer verfluchten Besorgnis.« Und bereut es schon. Denn Elisabeth wird sehr blaß, wendet sich ab und sagt, mit Tränen in der Stimme: »Du bist aber schon mehr als merkwürdig.« Alle sehen ihn

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