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Steile Welt (German Edition)

Steile Welt (German Edition)

Titel: Steile Welt (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Stef Stauffer
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unten anreisen müssen. Man wechselt sich ab unter den Verwandten. Zum Glück war die Familie kinderreich. So ist dann etwas los auf dem Vorplatz unter dem ausladenden Zeltdach, wenn die Anreisenden eintreffen. Fast alle Tischchen sind besetzt, es ist ein Hin und Her, ein Grüssen und Nachfragen. Rasch wird ein Stuhl dazugestellt und geplaudert. Längst kommt man nicht nur seiner alten Eltern wegen. Wer unter der Woche noch das Strickzeug dabei hat, kommt heute nicht dazu. Man will ja sehen, wer da kommt und geht. Wer jetzt immer noch allein ist, wird zu sich genommen. Kaffee wird offeriert oder eine Gasosa bestellt, die Bedienung eilt, hat für einmal viel zu tun. Ovomaltine ist auch beliebt unter den alten Menschen. Manch eine packt den mitgebrachten Kuchen aus, verteilt ihn auf Servietten. Diese werden weitergereicht, genau wie das Rezept dazu. Ein Geschnatter, fast wie früher auf dem Kirchplatz. So vergehen die sonst zähen Stunden wie im Flug. Noch vor der Essenszeit leeren sich die Tische langsam wieder. Händeschütteln, Wangenküsse, Tränen werden längst keine mehr vergossen. Die schluckt man mit dem letzten Mundvoll kalten Kaffee hinunter. Dann kehrt wieder Ruhe ein. Das Warten nimmt erneut seinen Anfang. Hier beginnt die Woche am Sonntagabend.
    «Nach dem Kaffee setzte sich die Grossmutter auf die Bank in ihren Garten und schaute die Tomaten an, bis sie rot wurden. Am Sonntag ruhten ihre Hände, ausser wenn sie ahnte, dass schlechtes Wetter im Anzug war und sie vorher noch einige Verrichtungen erledigen musste. Dies geschah recht oft. Erstaunlicherweise bewahrheiteten sich diese Ahnungen recht selten. Ich glaube, sie mochte die Sonntagnachmittage auch nicht so sehr. Die waren doch recht langweilig, auch für mich, denn in den guten Kleidern musste ich mich stillhalten. So suchte ich am Strassenrand nach hübschen Blumen für die Maria und ihr Jesuskind oder nach skurrilen Käfern, die ich im Sand auf der Strasse um die Wette laufen liess. Oder ich schaute in den blauen Himmel und rief, der Regen, bald kommt der Regen! Rannte ins Haus und zog mich um, stieg den Berg hinauf, angeblich um die Ziegen zu holen. Ich wurde nicht aufgehalten. Oben am Berg, wo mich niemand sah, konnte ich dann den ganzen Nachmittag tun und lassen, was ich wollte. Die Ziegen meldeten sich immer rechtzeitig, wenn es Zeit für den Abstieg wurde.
    Dass ich im Sommer jeweils zwei Monate hier im Tal verbrachte, entsprang wahrscheinlich eher dem Wunsch meiner Eltern als dem der Grossmutter. Meine Mutter fand, ich könne dort manch Nützliches lernen, dem Vater lag meine Gesundheit am Herzen, er lobte die gute Luft, die Tage draussen an der Sonne, und dass ich genug und recht zu Essen hatte. Der Nonna war ich, so glaube ich, nicht zu viel nütze. Aber im Weg war ich ihr auch nicht. In der Rangordnung in ihrem Haushalt war mein Platz irgendwo nach dem Huhn und vor den Ziegen, wobei ihr diese im Grunde viel mehr einbrachten. Aber es kann sein, dass sie von meinen Eltern etwas Geld bekam. Ein kleiner Beitrag an ihre Kosten.
    Sie beschäftigte sich eigentlich nicht mit mir. Gab Anweisungen und schickte mich los, wohl einfach darum, damit ich beschäftigt war und ihr nicht dauernd am Rockzipfel hing. Ich aber genoss diese Wochen und litt nicht darunter, dass wir ein doch recht distanziertes Verhältnis zueinander hatten, obwohl wir jede Nacht das Bett miteinander teilten und ich mich also über mangelnde Nestwärme nicht zu beklagen brauchte. Es war nicht die Zeit, in der Kinder mit Zuneigung überhäuft wurden. Man lief einfach mit durch den Alltag, mit der Absicht, ja nicht störend aufzufallen. Ich hatte Achtung und Respekt vor dieser alten Frau, Angst nicht. Als ich selber als Mutter hier im Tal meinen Haushalt und die Familie über die Runden bringen musste, handelte ich oft im Sinne meiner Nonna, von der ich unbewusst wohl mehr gelernt hatte als von irgendwem sonst. Nur ihr sechster Sinn, der ging mir ab. Das Wissen vom Wetter, vom Mond und den besonderen Pflanzen ging mit ihrem Tod verloren, wenigstens in der Linie unserer Familie. Da wurde nichts vererbt. Bis auf die Mode, mit den Tieren zu reden. Meine älteste Tochter trug ihr Huhn immer mit sich herum und besprach mit ihm die wichtigen Dinge des Lebens.»

giuvinòtt
    Statt der Strasse in Richtung der hundert Täler zu folgen, wird ausgangs Cavigliano rechts abgebogen. Eine grosse Linkskurve, und dann schlängelt sich die breite, noch zweispurige Strasse angenehm bergwärts. Ein

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