Sternenfall: Roman (German Edition)
Zugspannungen. Das Ergebnis ist, dass die reflektierte Welle ein Stück abspaltet und es davonfliegen lässt. Interessanterweise entfernt sich das abgespaltene Stück mit derselben Energie, die von der Kugel ursprünglich auf das Glas übertragen wurde. Das gleiche Prinzip wurde früher angewandt, um Panzerplatten mit einer geformten Sprengladung zu durchdringen.«
»Und die Pointe?«
»Ganz einfach: dass das abgespaltene Scheibchen die Auftreffenergie mit sich nimmt. Wenn wir das Spannungsmuster rund um den Ground-Zero -Krater dazu benutzen könnten, ein wirklich großes Stück von Donnerschlag abzuspalten, welche Geschwindigkeit würden wir dabei erreichen?«
»Nehmen wir mal an, dass man eine Trenngeschwindigkeit von einhundert Metern pro Sekunde bekommen könnte. Ich verstehe immer noch nicht … Oh!«
Potter grinste breit. »Die Lady beginnt zu begreifen. Wenn wir es so einrichten könnten, dass der abgespaltene Brocken entgegengesetzt zur Flugrichtung davonsaust, dann würde Donnerschlag aufgrund der Erhaltung des Impulses ein klein wenig nach vorne gestoßen. Mit etwas Glück würden schon beim ersten Versuch unsere ominösen fünf Zentimeter pro Sekunde dabei herausspringen.«
»Wie groß ist der Brocken, den wir bekommen könnten?«
»Der Krater hat einen Durchmesser von 125 Kilometern, und unsere Laserbohrer kommen etwa zwanzig Kilometer tief. Wenn wir auf eine Trenngeschwindigkeit von gut fünfzig Metern pro Sekunde kommen, müsste es eigentlich reichen.«
»Und wenn nicht?«
»Dann wiederholen wir den Vorgang so oft, wie es nötig ist, oder bis uns die Antimaterie ausgeht. Wenn nötig, schälen wir den Asteroiden eben wie eine Zwiebel.«
»Es bleibt immer noch das Problem, einen wirklich großen Brocken herauszubrechen.«
»Wir werden große Bomben brauchen, die an genau den richtigen Stellen des Spannungssystems platziert sind«, antwortete Potter. Er deutete auf seinen Monitor. »Wenn wir es versuchen sollten, würde ich die Schächte hier, hier und hier anbringen. Wenn wir die Bomben gemeinsam zünden, müssten wir das Eis spalten können wie ein Diamantschneider einen Edelstein. Was meinen Sie?«
Barbara starrte auf die Stellen, auf die er am Bildschirm gezeigt hatte. An all diesen Stellen lagen die Verwerfungslinien besonders dicht beieinander. »Ich glaube, es würde eine Menge Analysen erfordern, aber es könnte etwas daran sein.«
»Soll ich das dem Direktor sagen?«
Sie nickte. »Sobald wir ein paar Zahlen ausgearbeitet haben. Es hört sich gut an, Gwilliam. Ich glaube, Sie haben die Lösung für unser Problem entdeckt!«
»Wenn nicht«, sagte er, »dann schicken wir diese armen Teufel von der Admiral Farragut für nichts und wieder nichts in ein paar kalte Löcher hinunter.«
Nadia Hobart öffnete beim zweiten Glockenton die Tür und sah sich auf dem Korridor einem rotgesichtigen, rundlichen Mann gegenüber. Sie lächelte den vertrauten Besucher an und bat ihn einzutreten. »Sie sind im Arbeitszimmer, Harold. Sie haben gerade angefangen.«
»Danke, Nadia«, erwiderte Harold Barnes. »Und wie fühlt sich die First Lady von Luna heute Abend?«
»Immer noch sehr wohl, wenn sie von Leuten ›First Lady‹ genannt wird.«
»Du wirst dich noch dran gewöhnen. Du bist wie geschaffen für den Job. Lass dich bloß nicht von diesen Blutsaugern aus der Verwaltung vereinnahmen. Wenn du etwas tust, dann weil du dich wohl dabei fühlst, und nicht, weil irgendein Protokollbeamter es für angebracht hält.«
»Danke, ich werde daran denken«, sagte sie, während sie Barnes durch die Höhlensimulation des Wohnzimmers führte.
»Wie geht es John? Ich habe ihn seit der Siegesparty in der Wahlnacht nicht mehr gesehen.«
Nadia Hobart biss sich auf die Unterlippe, eine nervöse Geste, die sie sich als Farmerstochter in Kansas angewöhnt hatte. »Ich mache mir Sorgen wegen ihm, Harold. Er arbeitet zu viel. Erst die Wahlen, dann diese Kometengeschichte. Er wird sich innerhalb eines Jahres verausgaben, wenn er nicht ein bisschen kürzer tritt. Du bist sein Freund. Du könntest doch nach der Besprechung mal mit ihm reden.«
»Ich kann’s versuchen. Ich bin mir nicht sicher, ob es etwas nützt. Die Wahrheit ist, Nadia, dass wir alle hart an dieser Machbarkeitsstudie gearbeitet haben, die John in Auftrag gegeben hat. Gott sei Dank ist das meiste geschafft.«
»Was habt ihr herausgefunden?«
Barnes seufzte. »Dass unsere Lage besser ist, als wir alle für möglich gehalten haben. Die
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