Sternenfall: Roman (German Edition)
Amber, »gehe ich davon aus, dass wir während der nächsten achtzehn Monate drei Minuten gewinnen müssen. Darin ist die perspektivische Verkürzung durch den spitzen Annäherungswinkel des Kerns berücksichtigt.«
»Das klingt gar nicht schlecht«, sagte Chen. »Was bedeutet das in Geschwindigkeit ausgedrückt? Hat jemand einen Rechner dabei?«
»Es läuft auf eine 0,0005%ige Erhöhung der Geschwindigkeit des Kerns hinaus. Wenn wir seine gegenwärtige Geschwindigkeit auch nur um fünf Zentimeter pro Sekunde erhöhen können, wird er die Erde um tausend Kilometer verfehlen.«
Einen Moment lang war es ruhig, dann brach ein Gebrüll los, als ein Dutzend kompetente Stimmen ihre Vorschläge zur Beschleunigung des Kometen machten. Als sie einsah, dass die Aufregung ansteckend war, gab Amber es auf, erklären zu wollen, dass der Zahl, auch wenn sie winzig war, sechzig Billiarden Tonnen eine herkulische Dimension verliehen.
»Amber, warte auf mich!«
Amber hielt an und drehte sich in der Luft mit der ein wenig unbeholfen wirkenden Wende unter Schwerelosigkeit. Tom Thorpe schwebte zu ihr heran.
»Hallo«, sagte sie, als er sie eingeholt hatte.
»Ebenfalls hallo. Wo hast du denn gesteckt? Ich bekomme dich kaum noch zu sehen.«
»Professor Barnard und ich hatten zu tun. Wir überprüfen noch einmal genau unsere ganzen Daten.«
»Immer noch auf der Suche nach einem vergessenen Komma?«
Sie nickte.
»Ihr werdet keins finden, das weißt du doch.«
»Ich weiß. Ich komme einfach nicht über das Gefühl hinweg, dass alles meine Schuld ist.«
»Deine Schuld? Weshalb?«
»Der Komet trägt meinen Namen«, sagte sie mit einer Spur Bitterkeit in der Stimme. »Stell dir die Millionen Menschen vor, die meinen Namen verfluchen werden, wenn sie erst einmal Bescheid wissen. Verdammt, ich habe ihnen doch gesagt, dass ich ihn nicht nach mir benannt haben wollte!«
»Ach komm«, versuchte er sie zu beruhigen. »Niemand wird dir die Schuld daran geben. Wenn das kein Akt Gottes ist, dann hat es nie einen gegeben.«
»Schon mal davon gehört, dass die Überbringer von schlechten Nachrichten hingerichtet wurden?«
Er blickte ihr lange in die Augen. »Das macht dir wirklich zu schaffen, stimmt’s?«
Sie seufzte. »Ein bisschen schon, glaube ich. Ich schlafe nicht mehr gut in letzter Zeit.«
»Hast du mit Dr. Barnard darüber gesprochen?« Amber schüttelte den Kopf. »Sie würde mir doch nur ein Schlafmittel verschreiben. Das brauche ich nicht.«
»Ich hab in meiner Kabine eine Flasche Brandy. Was hältst du davon, wenn wir uns einen Drink genehmigen?«
Zum ersten Mal seit Wochen lachte Amber. »Genau daran dachte ich.«
Sie legten bis zu Thorpes Kabine ein Viertel des Wegs rund um das Habitatmodul der Admiral Farragut zurück. Trotz seiner Stellung als xpeditionsleiter war sein Quartier mit denen aller anderen identisch. Optimiert für die Schwerelosigkeit, gab es darin einen Schreibtisch, zwei Stühle, ein Schlafnetz, eine MediaKonsole und eine Vielzahl von Wandschränken für die persönlichen Habseligkeiten. Eine Luke gegenüber der luftdichten Tür führte zu einem zweiten Raum mit Schwerelosigkeitstoilette, Waschbecken und Schwelo-Dusche.
Amber drückte sich an Thorpe vorbei und hüllte ihn dabei in eine Wolke ihres Parfüms. Sie begab sich zu dem weiter entfernten Stuhl und schnallte sich an. Thorpe schloss die Tür, dann schwebte er zu einem der Schränke an der Decke. Er kehrte mit einer Flasche, zwei Trinkblasen und einer Spritze zurück. Die Flasche stammte offensichtlich von der Erde und besaß nicht die besonderen Vorrichtungen, die für den Umgang mit Flüssigkeiten unter ikrogravitation entwickelt worden waren. Thorpe reichte Amber die Blasen, bevor er die Spritze geschickt durch den Korken einführte und sie mit Flüssigkeit füllte. Dann injizierte er die Flüssigkeit in eine der beiden Blasen und wiederholte den Vorgang mit der anderen. Er verstaute die Flasche und die Spritze, ehe er eine der beiden Blasen annahm.
»Skol!«
Amber lächelte, dann nippte sie vorsichtig an der Blase. Sie genoss das milde Brennen der Flüssigkeit, als sie über ihre Zunge und durch ihre Kehle rann. Ein paar Minuten später fühlte sie sich durch und durch warm. »Der ist hervorragend.«
»Muss er wohl auch sein«, erwiderte er. »Stammt aus Halver Smiths Privatvorräten.«
»Ah, reich müsste man sein!«
»Du bist reich, zumindest aber wohlhabend. Erinnere dich, bei dir sammeln sich allmählich die Vorauszahlungen aus
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