Sturm über Freistatt
nicht mehr viel länger hierbleiben können.
Im Lauf der Jahre hatten Dubro und Illyra durch ihre Arbeit ein wenig Gold angehäuft, das sie dort versteckten, wo die Steine von Dubros Schmiede die Außenwand ihres Heims bildeten. Aber durch die Beysiber und das viele Gold, das sie mitgebracht hatten, war nicht einmal Gold mehr soviel wert wie früher, und die beiden konnten sich einen Tag der Untätigkeit nur schwer leisten. Eine Sturmböe kam vom Meer herbei: ein plötzlicher, heftiger Regen, der in einer Küstenstadt nicht erstaunlich sein sollte, hätten die Tropfen, die auf Artons Gesicht fielen, seine dunklen Tränen abgewaschen – sie färbten sie statt dessen jedoch noch dunkler. Ohne einen Grund dafür anzugeben, drückte Illyra ihren Sohn fester an sich und rannte voraus durch den bei diesem Wetter menschenleeren Basar.
Es dauerte einige Tage, bis die Klatschweiber und Gerüchteverbreiter in Freistatt sich einen Reim auf das Zusammentreffen einiger Ereignisse machten, wie die sich wiederholenden, heftigen Regenschauer, Molin Fackelhalters unerwarteter Besuch im Aphrodisiahaus und die dunklen Tränen des S’danzokindes. Die Geschichte, daß jemand eine unfreundliche Schlange in das Schlafgemach der beysibischen Kaiserin geschmuggelt hatte, war für lüsterne Ausschmückungen geradezu geschaffen; während die über halbverweste Leichen, die durch Freistatts Gassen stapften, angsteinflößend war. Doch als zum fünftenmal in fünf Tagen eine heftige Sturmböe die Stadt heimsuchte und Hunderte von Fischen, einige so groß wie der Unterarm eines kräftigen Mannes, auf dem Eingang von Vashankas unfertigen Tempel ablud, wuchs die Neugier ungemein.
»Sie geben uns die Schuld daran«, sagte Dubros Lehrling, als das Schmiedefeuer für die Nacht gedämpft war und der Eintopf für den Abend auf dem Rost garte. »Sie sagen, es sei er!« Der Junge blickte verängstigt auf Artons Bettchen.
»Es ist die Zeit für Stürme, nichts weiter«, versicherte ihm Dubro, und seine Finger gruben sich in die Schultern des Jungen.
»Das vergessen sie jedes Jahr.«
Der Lehrling aß stumm sein Mahl. Er hatte mehr Angst vor dem seltenen Ärger des Schmiedes als vor dem unnatürlichen Zustand des Kindes, trotzdem zog er seinen Strohsack so weit wie nur möglich vom Bettchen Artons weg und rief jeden Gott, der ihm einfiel, um Schutz an, ehe er sein Gesicht für die Nacht der Wand zudrehte.
Illyra schenkte ihm keine Beachtung, ihre Aufmerksamkeit galt lediglich Arton und dem Brei, den er hoffentlich schlucken würde. Dubro saß stirnrunzelnd in seinem Sessel, bis der Lehrling leise zu schnarchen anfing.
Eine Böe brauste durch den Basar und sogleich trommelte Regen gegen Wände und Fensterläden. Illyra blies die Kerze aus und schaute mit leerem Blick über das Bettchen.
»Wieder Tränen?« erkundigte sich Dubro. Sie nickte und weinte auch. »‘Lyra, der Junge hat recht: Die Leute scharen sich vor des blinden Jakobs Wagen und starren mit Furcht in den Augen auf die Schmiede. Sie verstehen es nicht – und ich verstehe es ebensowenig. Ich habe dir nie Vorschriften gemacht oder dich über deine Karten und dein Zweites Gesicht ausgefragt, aber ‘Lyra, wir müssen jetzt rasch etwas unternehmen, sonst haben wir die ganze Stadt gegen uns. Was ist mit unserem Sohn geschehen?«
Der Riese von Mann hatte sich nicht bewegt, und auch am weichen Ton seiner Stimme hatte sich nichts geändert, aber als Illyra ihn anblickte, verrieten ihre weit aufgerissenen Augen Furcht. Sie forschte nach den richtigen Worten, und als sie keine fand, stolperte sie zu ihm und sank auf seinen Schoß. Das Gesicht hatte ihr Schreckliches gezeigt, doch nichts schmerzte sie so sehr wie die müde Traurigkeit im Gesicht ihres Mannes. Sie erzählte ihm alles, so, wie die Suvesh ihre Geschichten ihr erzählten.
»Ich werde gleich in der Früh in die Stadt gehen«, beschloß Dubro, als er von Zips Altar gehört hatte, von Molins Gottkind und dem Dahinscheiden des Sturmgottes. »Ich kenne einen Waffenschmied, der mir für meine Schmiede gutes Gold bezahlen wird. Gleich morgen verlassen wir die Stadt – für immer.«
Eine neue Bö peitschte über das Dach, und irgendwo stürzte eine Mauer ein, das Krachen war unverkennbar. Dubro drückte Illyra an sich, bis sie sich in den Schlaf geweint hatte. Die kleine Öllampe neben ihm brannte nieder, ehe der Sturm nachließ und Dubro ebenfalls Schlaf gefunden hatte.
Illyra wußte später nicht, ob sie das Krachen unter der Plane
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