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Tagebücher: Jahre 1982-2001 (German Edition)

Tagebücher: Jahre 1982-2001 (German Edition)

Titel: Tagebücher: Jahre 1982-2001 (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Fritz J. Raddatz
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SEHR bedrückender Besuch bei einem, in den ich sogar mal verliebt war, der ein gutaussehender – und natürlich hochgebildeter – Mann war: Nun macht ein uraltes Klappergespenst die Tür auf, dürr, verblichen, auf einem Auge blind, zu schwach, um die Teetassen aus dem Bord zu nehmen, und zu hilflos, meine Blume ins Wasser zu stellen. Der un-erhörte Gedanke schoß mir durch den Kopf: Hätte er mich damals «erhört», hätte er noch zu leben. (Dachte ich ja auch, als Laudan starb, unrechterweise, denn ICH war ja weggelaufen.) Erschreckend auch, daß Witte noch zierlich stirbt – hatte ja immer etwas Gewolltes, Verzieratetes, Geschmücktes, sozusagen ein Spitzmündchen und diese seltsame Neid-Ambition: «Eines Tages werde ich Raddatz sein» (statt «Eines Tages werde ich Karsten Witte»). So sprach er nur von seinen Erfolgen, ob bei Vorträgen oder «meinem neuen Buch», das in Wahrheit eine Zusammenfassung alter Essays ist. Er trinkt den eigenen Tod mit spitzem Mündchen und abgespreiztem kleinen Finger.
    Der Abend, seit langem mal wieder, mit Brasch verrückt und schief wie ein 20er-Jahre-Film: Wir stürzen beide ineinander wie Liebende, reden alles durcheinander und vor allem, seltsamerweise, ganz viel über Homosexualität (die ihn magisch anzieht, ohne daß er, ich bin sicher, je einen Schwanz in der Hand, geschweige denn anderswo hatte). Er ist im Kopf schwul. So sehr, daß er in meinem neuen Romantext (in der kleinen ZIEGELprobe) das Wort schwul streichen möchte, obwohl’s doch eine Romanfigur benutzt, die sich dadurch u. a. charakterisiert, nicht ich. An den Fahnenrand schrieb er einen direkt wütenden «Verbots»kommentar. Dennoch scheint mir sein Hirn vom Kokain versehrt – er sagt wunderschöne Sätze, die in der Mitte aufhören, wirft Bilder hoch, die sinnlos abbrechen: Löcher in der eigenen Phantasie.
    30. November
    Lauter kleine Pe-Esse.
    1. PS
    Am Rande des Gaus-Abends in Berlin langes, erstaunlich friedfertiges (da wir doch verkracht waren) und ernsthaftes Gespräch mit Stephan Hermlin. Wenn auch ziemlich wirr. So spricht er geradezu mit Kinderstolz davon: «Sie wissen, daß ich PDS-Mann bin» und erzählt, gleichsam im selben Atemzug: «Die SED war schon 1959 nicht mehr meine Partei»; was eine Antwort ist auf meine Erinnerung: «Wissen Sie noch, wie Sie vor vielen, vielen Jahren auf meinem Sofa saßen und mir sagten: ‹Dies ist nicht mehr meine Partei – aber wenn Sie das veröffentlichen, werde ich leugnen, das je gesagt zu haben.›» Das muß Anfang der 70er gewesen sein, da kam er mit seiner damals unbekannten Ulla Hahn, und ich habe mich daran gehalten und es nie öffentlich gemacht. Aber wieso ist/bleibt jemand in einer Partei, die – wie ich nun erfahre – seit Jahrzehnten schon nicht mehr «meine» ist? Das sind nicht nur Wirrseligkeiten eines alten Mannes (er wird 80), es ist auch Biographie-Zickzack. Mit Manès Sperber sei er gut ausgekommen (das war doch der Feind Nummer 1?), aber Jorge Semprún ist «fast ein Faschist».
    Mal sehen, ob er meine Einladung zu einem ZEITgespräch annimmt.

    2. PS
    Hochhuth erzählt von der Akademie, i. e. von der «Unterstützung» seines Antrags, mich dort aufzunehmen, durch «meine Freunde». Rühmkorf, der ihm wie Jürgen Becker versprochen hatte, den Antrag zu unterstützen, schriftlich, hat nix dergleichen getan – wie Jürgen Becker; der sogar die entsprechende Sitzung leitete – und schwieg. Nur die treue Mayröcker hat eine «Empfehlung» geschrieben; wobei einem bereits dies Wort den Magen umdreht.

    3. PS
    «Die schöne Ursula». Was für eine Situation, was für eine Begegnung, was für ein Mensch: Da sitzt diese «ehemalige Orchidee» in einer Hinterhofwohnung, so schlimm, daß ich buchstäblich die Wohnung nicht fand und, schließlich an irgendeiner Tür eine verschlafene Schlampe herausklingelnd, auf den Hinweis: «Dahinten ist noch ein Hof» blödmaulig sagte: «Und da wohnen wirklich Menschen?» So irrte ich mit einer 50 Mark teuren Superblume durch Müll und an Eisentüren entlang – um in einer Wohnung OHNE JEDES MÖBEL zu landen. Und in der «wächst» diese fleischfressende Pflanze – dem Tode entgegen; der ihr ins Gesicht geschrieben steht. Nur: Im Unterschied zu Hermlin, dessen eisern auf schön getrimmtes Gesicht gleichsam zerbirst beim Lachen, häßlich wird (ich habe das noch nie je beobachtet bei einem Menschen – daß Lachen sein Gesicht verhäßlicht), hat sie ihre alte Schönheit, ihre laszive Tierhaftigkeit

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