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Tausend strahlende Sonnen

Tausend strahlende Sonnen

Titel: Tausend strahlende Sonnen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Khaled Hosseini
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Überzeugung seines Lebens entgegenblicken.
    Später aßen sie gekochte Eier, Kartoffeln und Brot zu Mittag. Danach legte sich Tarik zum Schlafen unter einen Baum am Ufer eines plätschernden Baches, den Kopf auf seinen zusammengerollten Mantel gebettet und die Hände über dem Bauch gefaltet. Der Chauffeur ging in den Ort, um Mandeln zu kaufen. Babi setzte sich an den Stamm einer großen Akazie und schlug ein Buch auf. Laila kannte das Buch; er hatte ihr schon daraus vorgelesen. Es erzählte die Geschichte eines alten Fischers namens Santiago, der einen mächtigen Fisch an der Angel hat, von dem aber, als der Fischer sein Boot endlich in Sicherheit bringen kann, nur das Skelett übrig geblieben ist, weil er von Haien zerrissen worden war.
    Laila setzte sich ans Ufer und tauchte die Füße ins kühle Wasser. Mücken schwirrten umher, und die Luft war voller Pappelsamen. Eine Libelle schnurrte vorbei. Laila sah sie von Grashalm zu Grashalm fliegen und die Sonne auf ihren Flügeln glitzern, violett, grün und gelbrot. Auf der anderen Seite des Baches sammelten Hazara-Jungen getrocknete Kuhfladen vom Boden auf, die sie in Säcke stopften und auf dem Rücken davontrugen. Irgendwo schrie ein Esel. Ein Stromgenerator fing zu knattern an.
    Laila dachte an Babis Traum. Irgendwo am Meer .
    Oben auf dem Buddha hatte sie ihm gegenüber eines unerwähnt gelassen: dass es ihr nämlich in einer wichtigen Hinsicht durchaus recht wäre, wenn aus diesem Traum nichts werden sollte. Sie würde Giti und ihre verkniffene Ernsthaftigkeit vermissen, ja sogar auch Hasina mit ihrem schrillen Lachen und den unbekümmerten Albereien. Vor allem aber erinnerte sich Laila noch allzu gut an die unerträglichen vier Wochen ohne Tarik, als er in Ghazni gewesen war, wie zäh sich die Zeit hingezogen und sie nichts mit sich anzufangen gewusst hatte. Sie mochte sich nicht vorstellen, auf Dauer von ihm getrennt zu sein.
    Vielleicht war es töricht, an einem anderen so sehr festhalten zu wollen, hier, in diesem Land, dem die eigenen Brüder zum Opfer gefallen waren. Doch allein das Bild, wie Tarik mit seiner Prothese auf Khadim losgegangen war, reichte aus, um sie davon zu überzeugen, dass es für sie auf der Welt das einzig Vernünftige war.
    Sechs Monate später, im April 1988, kam Babi mit großen Neuigkeiten nach Hause.
    »Sie haben ein Abkommen unterzeichnet«, sagte er. »In Genf. Damit steht es jetzt fest. Sie werden abziehen. In spätestens neun Monaten wird kein Sowjet mehr in Afghanistan sein.«
    Mami richtete sich in ihrem Bett auf. Sie zuckte mit den Achseln.
    »Aber die Kommunisten regieren weiter«, entgegnete sie. »Nadschibullah ist eine Marionette der Sowjets. Er bleibt. Und der Krieg geht weiter. Das ist noch längst nicht das Ende.«
    »Nadschibullah wird sich nicht halten können«, sagte Babi.
    »Sie ziehen ab, Mami! Sie ziehen tatsächlich ab.«
    »Ihr zwei könnt ja feiern, wenn ihr wollt. Ich für mein Teil bin erst dann zufrieden, wenn die Mudschaheddin triumphierend in Kabul einziehen.«
    Und damit legte sie sich wieder hin und zog die Decke unters Kinn.

22
    Januar 1989
    An einem kalten, dicht bewölkten Tag im Januar 1989, drei Monate vor ihrem zwölften Geburtstag, machte sich Laila mit ihren Eltern und Hasina auf den Weg, um die letzten sowjetischen Konvois abfahren zu sehen. An der Durchfahrtsstraße im Villenviertel Wazir Akbar Khan hatte sich vor dem Militärclub eine große Menschenmenge versammelt. Sie standen im matschigen Schnee und schauten der Kolonne aus Panzern, Panzerfahrzeugen und Jeeps nach, in deren Scheinwerfern leichte Flocken wirbelten. Hämische Zurufe und johlendes Gelächter waren zu hören. Afghanische Soldaten sperrten die Straße ab. Manchmal fielen Warnschüsse.
    Mami hielt ein Foto von Ahmad und Noor in die Höhe, dasjenige, auf dem die beiden Rücken an Rücken unter dem Birnbaum saßen. Wie ihre Mutter zeigten auch andere Frauen Bilder ihrer Ehemänner, Söhne oder Brüder, die als shaheed gefallen waren.
    Jemand tippte Laila und Hasina auf die Schulter. Es war Tarik.
    »Was hast du denn da auf dem Kopf?«, rief Hasina überrascht.
    »Dem Anlass entsprechend wollte ich mir was Besonderes anziehen«, erklärte Tarik. Er trug eine riesige russische Pelzmütze mit heruntergezogenen Ohrenklappen auf dem Kopf. »Wie sehe ich aus?«
    »Albern«, lachte Laila.
    »Das war meine Absicht.«
    »Was sagen deine Eltern dazu? Sind sie auch hier?«
    »Nein, sie sind zu Hause geblieben«, antwortete er.
    Im

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