Texas
beschäftigt sich jetzt mit Sallust. Ninian Gow.«
Die zweite Julihälfte und den ganzen August über bereitete Finlay sich auf die schwere Aufgabe vor, die Rinder zum großen Viehmarkt nach Falkirk zu treiben - hundertzwanzig lange Kilometer über steile Bergpässe und durch wunderschöne Täler. Der Junge übte mit dem Collie Rob, dem die meiste Arbeit zufallen würde. Manchmal sah es so aus, als führe der Hund den Jungen und nicht umgekehrt, so schnell und intelligent war dieses Tier.
Mittlerweile hatte die Großmutter alles zusammengetragen, was sie Finlay mitgeben wollte: kräftigen Käse, in der Sonne getrocknete Fleischstreifen, auf dem Fensterbrett gehärteten Haferkuchen und vor allem den großen Kilt. Das war keiner der üblichen Faltenröcke, sondern eines Hochländers KampfKilt, ein riesiges Stück kariertes Tuch - hellrot-grün-dunkelrot für die Macnabs -, das den Körper vom Kopf bis zu den Fersen einhüllte.
Gegen Ende August erschienen die ersten Viehhändler im Tal, und alle machten bei den Macnabs von Dunessan halt, um
Grüße und Neuigkeiten auszutauschen. Die meisten kamen von Lewis und Harris, den nördlichsten Inseln der Äußeren Hebriden, und von den Uists; sie hatten ihr Vieh mit großen Booten über den Minch zur Insel Skye gebracht und von dort durch den gefährlichen offenen Fjord, der Skye vom Festland trennt. Jeder Viehhirte von den Äußeren Hebriden, der Glen Lyon mit seiner vollständigen Herde erreichte, galt schon als Held.
Diese Insulaner waren ein ungehobelter Haufen. Sie sprachen Gälisch und kannten gerade genügend schottische Wörter, um sich verständlich zu machen. Sie waren von kleiner Statur und melancholischem Wesen, ungeschlacht und dunkelhäutig. Sie stahlen Vieh und raubten Hütten aus. Die Viehtreiber von den Inseln, die keinen Gott kannten, waren die Geißel Schottlands. Doch in Glen Lyon fanden sie ihre Meister, denn die verschiedenen Macnabs gehörten selbst zu den geschicktesten Viehdieben der schottischen Geschichte. Der alte Macnab war oft große Risiken eingegangen, um seine Herde zu vergrößern. Stets hatte er zwei Dolche in den Falten seines Kilts getragen und auch ausgiebig Gebrauch davon gemacht. Jetzt reichte er seinem Enkel zwei mit dem Hinweis: »Zögere nicht, einen Dolch im Kampf bedenkenlos zu gebrauchen.«
Er übergab Finlay einundachtzig Rinder. Da es äußerst unklug gewesen wäre, einem zwölfjährigen Jungen, auch wenn er ein stämmiger Bursche war, eine so wertvolle Herde ganz allein anzuvertrauen, schickte er einen Helfer mit, Macnab aus Corrie, der zusammen mit seinen zwei Hunden schon oft zum Viehmarkt gewandert war. Zwölf Tage würden sie unterwegs sein, und man erwartete von ihnen, daß sie mit sämtlichen einundachtzig Tieren in Falkirk ankommen würden.
Auch Ninian Gow gab dem jungen Finlay strikte Anweisungen. »Sobald das Vieh abgeliefert und verkauft ist, verläßt du Falkirk und wanderst geradewegs nach
Dunfermline. Das Geld trägst du in deinem Kilt versteckt und erzählst keinem Menschen etwas davon. Von Dunfermline gehst du auf direktem Weg nach Cupar. Von dort ist es nur mehr ein Katzensprung nach St. Andrews, wo du nach Eoghann McRae fragst, bei dem du wohnen wirst und der dich auf dein Studium an der Universität vorbereiten wird.«
Aus den elendsten Hütten und aus den abgelegensten Glens Schottlands holten aufopfernde Geistliche und Lehrer junge Menschen, die zu großen Hoffnungen Anlaß gaben, und drängten sie zum Studium an den Universitäten von Aberdeen, Glasgow, Edinburgh und vor allem St. Andrews, jenen Stätten der Gelehrsamkeit, deren Schüler im Lauf der Jahrhunderte so viel taten, um die englischsprechende Welt zu verändern und zu verbessern. Da sie keine Anstellung in Schottland finden konnten, wanderten sie nach London und Dublin und New York aus. Sie brachten Kultur nach Kanada, Jamaika und Pennsylvania; sie gründeten Colleges in Amerika und Universitäten in Kanada. Wo sie auch hingingen, hinterließen sie Schulen, Krankenhäuser und Bibliotheken. Sie waren es, die die Saat der Zivilisation säten.
Ende August feierte Finlay seinen dreizehnten Geburtstag. Am nächsten Morgen erhob er sich schon früh, um mit den vierundachtzig Rindern - sein Großvater hatte drei Stück dazu »erworben« - loszuziehen. Die Großmutter gab ihm das Bündel mit dem getrockneten Fleisch, der Großvater reichte ihm einen Wanderstab, und Reverend Gow erschien mit einem gewichtigen Geschenk - einem Serviettenkloß.
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