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Texas

Texas

Titel: Texas Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: James A. Michener
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verbrachte mit ihm einige der schönsten Tage ihres Lebens. Sie sprachen viel von ihrer Kindheit in Deutschland. Jetzt waren sie alte Leute, er vierundsechzig, sie siebenundfünfzig, und während die schönen Erinnerungen immer schöner wurden, verblaßten die häßlichen.
    Am Sonntag fuhren sie hinaus zu den großen Bayous im Osten der Stadt. Emil hielt an und begann seiner Schwester die Winde eines Hurricanes zu erklären: »Sie kommen in drei Abschnitten. Ein heftiger Sturm fegt von Westen nach Osten. Das ist ein entsetzliches Getöse, und es schüttet nur so, aber es entsteht kaum ein Schaden. Darauf folgt eine Pause, es ist ruhig wie an einem Sommertag, während das Auge des Orkans über das Land hinwegzieht. Dann fegt ein noch wütenderer Sturm von Ost nach West, und das ist der, der alles zerstört.«
    »Warum tötet der eine und der andere nicht?«
    »Keiner der beiden tötet.«
    »Woher kommen dann die vielen Toten?«
    »Von dort.« Er deutete auf das flache, leere Land, auf das die Sonne herabbrannte. »Ich werde es dir erklären, Franza. Riesige Flutwellen schleudern unvorstellbar große Wassermengen auf dieses Flachland. Wenn dann der Sturm nachläßt, muß es irgendwohin abfließen und sucht sich brausend und tosend einen Weg zurück in die See.«
    »Wird es einen solchen Hurricane noch einmal geben?«
    »Aus Aufzeichnungen und Dokumenten geht hervor, daß ein Hurricane dieselbe Gegend nie zweimal heimsucht. Mit diesem Argument konnte ich die Menschen überreden, die Stadt wieder aufzubauen. Wir wissen, daß wir sicher sind. Nur die Feiglinge sind geflüchtet.«
    Unter seiner Führung hatte sich Indianola als erster Hafen von Südtexas wieder belebt, und man sprach davon, daß er Galveston bald den Rang ablaufen werde.
    Am Dienstag lud Theo einige Freunde - die meisten hatten einen deutschen Namen - in John Mathulys Fischrestaurant ein. Franziska war natürlich auch dabei. Sie verbrachten einen wunderschönen Abend. Als sie das Lokal verließen, bemerkte Franziska, daß das Wetter umgeschlagen war; vom Golf her wehte ein sehr feuchter Wind. Sie war beunruhigt, aber Theo freute sich: »Regen! Auf den warten wir schon seit Juli!«
    Doch dieser Wind brachte keinen Regen. Statt dessen fand Franziska, als sie am nächsten Morgen aufwachte, Indianola in eine Staubwolke gehüllt. In Begleitung seiner Schwester besuchte Theo Captain Isaac Reed vom Signaldienst der Vereinigten Staaten, den Mann, der die Stürme in diesem
    Gebiet überwachte. Er zeigte ihnen ein Telegramm, das er aus Washington erhalten hatte:
    »A us W estindien kommende H urricane südlich von K ey W est in R ichtung G olf vorbeigezogen stop starke L uftströmungen über dem südlichen F lorida stop wird
    VERMUTLICH HEUTE ABEND STURMWINDE AN DER KÜSTE DER
    östlichen G olfstaaten verursachen .«
    »Ist das nicht bedenklich?« fragte Franziska. Reed beruhigte sie. »Wir beobachten diese Vorgänge sehr aufmerksam. In neunundneunzig von hundert Fällen kollabieren solche Stürme und verursachen nichts weiter als eine höhere Flut.«
    Doch am späten Vormittag wurde der Wind stärker, und Theo und Franza gingen noch einmal in die Wetterwacht. »Sollten Sie jetzt nicht doch das Notsignal aufziehen?« fragte Theo. Reed antwortete: »Wenn das ratsam wäre, hätte Washington uns schon gewarnt. Verlieren Sie nicht die Ruhe. Dieser Sturm wird zusammenbrechen.«
    Am frühen Nachmittag erhielt Captain Reed ein dringendes Telegramm, in dem er vor einem unmittelbar bevorstehenden Hurricane gewarnt wurde, aber da war es schon zu spät. Nur wenige Minuten vergingen, da kam der orkan dahergebraust.
    Reed war ein mutiger Mann, und selbst als es aussah, als würde der Sturm seinen Signaldienst davontragen, blieb er in dem Gebäude, um das Anemometer festzuschrauben, mit dem die maximale Windgeschwindigkeit aufgezeichnet wurde. Sie betrug einhundertvierundsechzig Kilometer in der Stunde, bevor Gerät und Haus einfach weggerissen wurden. Reed wurde von einem durch die Luft fliegenden Balken getroffen und verschwand in den heranbrausenden Fluten.
    Als das Haus zusammenkrachte, fiel eine Petroleumlampe zu Boden. Der tobende Sturm, der jetzt mit zweihundertvierundvierzig Kilometern in der Stunde landeinwärts brauste, peitschte die Flammen so heftig auf, daß innerhalb von zehn Minuten die gesamte Hauptstraße in Flammen stand. Panisch versuchten die Menschen, dem Feuer zu entkommen. Der Hurricane von 1875, von dem es geheißen hatte, er werde sich nie wiederholen,

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