Tod Auf Dem Jakobsweg
empfindliche Haut tatsächlich versteckte. Ihre Unterarme waren voller Narben. Narben, wie sie für Selbstverletzungen typisch sind, von Schnitten und von ausgedrückten Zigaretten.
Die dilettantische kleine Tätowierung an der Innenseite ihres rechten Unterarmes war gar nichts dagegen.
Das Läuten klang weniger nach einer Glocke als nach einem dickwandigen eisernen Topf, an den jemand mit einer Brechstange schlug. Natürlich war Santiago de Compostela als Zielort des Jakobswegs reich an Kirchen, Klöstern und Kapellen, an schlichten wie an prächtigen. Diese scheppernd hustende Glocke gehörte einer zumindest äußerlich sehr schlichten aus grauem bemoostem Stein, ihr Turm war nur ein Stummel, aus seinem sich kaum zum Himmel erhebenden Dach wuchs ein dünnes Bäumchen. Es ließ die Zweige hängen, als wisse es, dass aus ihm nie ein stolzer Baum wurde.
Obanos erinnerte sich nicht, dieses Kirchlein bei früheren Besuchen der Stadt gesehen zu haben. Es stand an einem unbedeutenden engen Platz, nicht viel mehr als die Kreuzung einiger Altstadtgassen, und kaum fünf Minuten entfernt von der reichen Kathedrale mit Spaniens heiligster Reliquie. Wer von dort kam, übersah das unscheinbare Gemäuer leicht. Obanos fand, es sei genau der richtige Ort, um in Ruhe nachzudenken. Wenn alles stimmte, was er inzwischen gehört hatte — ja, was dann? Dann war alles viel übler, als er es sich vorgestellt hatte, seit Dr. Helada ihn zu seinem deutschen Patienten gebeten hatte.
Zunächst hatte er einen Anschlag oder gar Mordversuch auf dem Pilgerweg grotesk gefunden, erst als er von dem zweiten erfuhr, begann er, seinem Instinkt wirklich zu vertrauen. Er war lange genug Polizist, um sich über nichts mehr zu wundern und zu wissen, dass nichts gewöhnlich war. Menschen zählten nun einmal zu den unberechenbarsten Tieren. Und zu den unvernünftigsten. Bei diesem Gedanken überlegte er, ob er nicht gerade in vorderster Linie letzterer mitmarschierte. Die Kollegen, die den nächtlichen Sturz bei Foncebadón als Unfall abgehakt hatten, hatten ihm nur noch sagen können, der Verunglückte sei in der Gegend bekannt, ein ruhiger freundlicher Mensch, der selten aus seiner Bergeinsamkeit in die Dörfer kam. Das hostal werde von zwei Paaren betrieben, die dort seit etlichen Jahren lebten, ein bisschen verrückt allesamt, aber fleißig und unauffällig, es habe nie Ärger gegeben. In der Vergangenheit hatten wohl ein paar zweifelhafte Existenzen versucht, sich dort einzunisten, das hätten die ansonsten gastfreundlichen Besitzer jedoch nicht zugelassen. Die Frau des Toten? Die Partnerin, sie seien nicht verheiratet gewesen. Sie lebe mit dem gemeinsamen, gerade fünfjährigen Sohn schon seit einigen Wochen in Santiago, es heiße: nur vorhergehend.
Er hatte ein bisschen durch Santiago schlendern wollen, nachdenken und warten, bis die Reisegruppe eintraf, auch darauf warten, ob die Recherche anhand der Liste der Gruppenmitglieder noch etwas Überraschendes zutage förderte. Das allerdings konnte dauern, bis alle wieder zu Hause in Deutschland waren. Nur im Fernsehen und im Kino ging so etwas blitzschnell.
Die Kirchentür war verschlossen, so schlenderte er weiter und setzte sich an den letzten freien Tisch eines Straßencafes. Die übrigen waren von vielleicht zwanzig oder fünfundzwanzig zumeist wohlbeleibten Damen mit rosigen Gesichtern okkupiert, in ihrer Mitte ein junger flaumbärtiger Priester mit noch rosigerem Gesicht. Der Aufdruck auf den prallgefüllten Plastiktüten zu ihren Füßen verriet umfangreiche Einkäufe im Laden der Kathedrale. Bis der Kellner ihm Café con leche und einen trockenen Sherry brachte, hatte er ihren Gesprächen entnommen, dass er neben dem Landfrauenverein einer westfälischen Kleinstadt und ihrem Seelenhirten saß. Wie alle Touristen im Ausland sprachen sie in dem Irrglauben, niemand sonst könne sie verstehen, laut und ungeniert.
Die von alten Stadthäusern mit Läden und Restaurants im Parterre gesäumte Straße war wie der größere Teil der Altstadt für den Durchgangsverkehr gesperrt und jetzt am späten Nachmittag eines warmen Tages besonders belebt Von Pilgern, Wanderern (wer mochte die schon unterscheiden?) und anderen Touristen hörte er Sprachfetzen, die an die babylonische Sprachverwirrung erinnerten, doch im Mai waren die meisten Passanten Einheimische. In der Sommerferienzeit war es anders. Unter einer Arkade ein paar Häuser weiter hockte ein schmuddeliges, nicht mehr ganz junges
Weitere Kostenlose Bücher