Atem. , hatte Johannes auf den Rand gekritzelt, Zunächst ging es um eine Frau, die ihre Geschichte einer Zeitschrift erzählt hatte, einem dieser Blätter, die immer ganz genau wussten, wann Camilla Ehestreit mit Charles hatte oder ob die Liebe zwischen Angelina und Brad vor dem Aus stand. Anders als abgesprochen, hatte die Redaktion sie nicht völlig unkenntlich gemacht. In dem Artikel standen der Vorname und der erste Buchstabe des Familiennamens, das Foto zeigte die Protagonistin undeutlich, wer sie kannte, konnte sie dennoch einigermaßen identifizieren. Sie hatte deshalb geklagt, vor der Eröffnung des Prozesses war ein Vergleich ausgehandelt worden. Dessen Bedingungen wurden nicht genannt. So etwas kam vor, wenn Menschen ihre Lebensgeschichte den Medien anvertrauten. Die dazugehörige Geschichte fand Leo auf den letzten Bögen. Die Überschrift lautete: Meine Schwester hat ihr Kind getötet — ich liebe sie trotzdem. Was für ein Familiendrama! Was sie jedoch erst hellwach machte, war der Name. Hedda M. M wie Meyfurth? Die Hedda, mit der sie seit Tagen auf dem camino wanderte, die im Bus neben ihr saß? Sie hielt das Bild näher an die Lampe. Über den Augen lag ein dünner Balken, aber das Gesicht sah trotzdem nach Hedda aus, dazu die schwarzen Haare, die Frisur — und dieser Name. So hießen nicht viele, noch weniger Hedda M. M wie Meyfurth. Auch das Alter mochte stimmen. Es gab keinen Zweifel, das war Hedda. Warum hatte sie das getan? Weil sie Beachtung brauchte? Oder Geld? Viel konnte sie für die Veröffentlichung ihrer Geschichte nicht bekommen haben. Sogenannte Informationshonorare lohnten sich nur, wenn man prominent oder aus anderem Grund ein Medienereignis war. Der Artikel war vier Jahre alt und für eine solche Zeitschrift ungewöhnlich ausführlich. Heddas jüngere Schwester, sie wurde nur als V. bezeichnet, war schon immer das schwarze Schaf ihrer gutbürgerlichen Familie in einer norddeutschen Kleinstadt gewesen. Sie hatte gegen die strenge Erziehung revoltiert, gegen die Disziplin, die ihr Vater, das sittsame Betragen und die dezente Kleidung, die ihre Mutter forderte. Mit siebzehn hatte sie die Schule abgebrochen und sich das gesucht, was ihre Eltern wohl zu Recht schlechte Gesellschaft nannten, und war immer wieder für einige Tage fortgelaufen. Schließlich verschwand V. nach Hamburg, fand Unterkunft in einem maroden Haus in einem maroden Viertel, ihre Eltern erfuhren nie, wovon und mit wem sie lebte. Ihre jüngste Tochter war volljährig, sie lehnte das Leben ihrer Eltern ab, also drehten sie den Spieß um und interessierten sich nicht mehr für sie. Jedenfalls gaben sie das vor. Ihre Schwester, Hedda, hatte sich bemüht, den Kontakt aufrechtzuerhalten, und versucht, ihre zur Vernunft zu bringen. Manchmal hatte sie ihr auch Geld geschickt. Schließlich lebte V. mit einem Mann, der eine ähnliche Herkunft und Geschichte hatte, und Hedda begann zu hoffen, die beiden würden gemeinsam eine Zukunft haben. Es war keine gute Zukunft. V.s Freund erwies sich als schwacher Mensch. Wie sie hatte er keine abgeschlossene Ausbildung, er behielt keine Arbeitsstelle länger als einige Monate, er trank zu viel, V. trank oft mit. Sie machten ständig große Pläne, Luftblasen, die so schnell zerplatzten, wie sie entstanden waren. Auch Hedda war inzwischen nach Hamburg gezogen, in die Nähe ihrer Schwester. Sie hatte Betriebswirtschaft studiert und an der Alster eine gute Arbeitsstelle gefunden, sie hatte Freunde und eine schöne Wohnung. Ohne die ständige Sorge um ihre Schwester hätte sie ein rundum zufriedenes Leben geführt. Es gab ständig Streit zwischen den Schwestern. Hedda versuchte V. zu überzeugen, sich von diesem Mann zu trennen, ihr Abitur nachzuholen, etwas zu lernen — ein bürgerliches Leben zu führen. Vielleicht war sie zu rigide gewesen, zu selbstgerecht, schließlich schrie V. sie an, sie solle sich nicht in ihr Leben einmischen und aufhören, ihr Vorschriften zu machen, sie wisse selbst, was richtig für sie sei. Da zog Hedda sich zurück — ihre Eltern hatten das schon lange getan—, sie war es müde, ständig gegen eine Wand zu reden und zuzusehen, wie ihre Schwester immer weiter abrutschte. Und sie war wütend, weil ihre Hilfe abgelehnt wurde. Der Kontakt brach ab, bis V. ihr erstes Kind bekam und ihren Freund