Totensteige (Lisa Nerz) (German Edition)
das Spiel mit mir auf die Spitze zu treiben, die 44 .
Ende. Ich nahm meine Nagelschere wieder und bückte mich zum kleinen Zeh.
Es gibt nur sehr wenige Zahlen, hier 49 , und jede lässt sich interpretieren, hätte Richard eingewendet. Zum Teufel mit Richard! Ich schnitt tief in den kleinen Zeh. Blut quoll. Ich tropfte ins Badezimmer und suchte Pflaster.
Aber ist doch wahr, Richard! Vier Zahlen in einem unmittelbaren und engsten Zusammenhang mit meinem Entschluss, Psi zu betreiben und die 4 zu sehen zu bekommen. Da gibt es nichts mehr zu deuteln! Da musst sogar du die Klappe halten. 4 und 44 , 23 und 32 , zwei Gruppen, drei Ziffern, dreimal die 4 und einmal Psi und sein Spiegelbild. Da passt kein Zweifel mehr dazwischen.
So also funktionierte das. Es ist ganz einfach, wenn es geschieht. Und als es geschah, kam es mir selbstverständlich vor. Die Antworten hatten gepasst, es waren die eines eigenwilligen Individuums gewesen, das sich nicht befehlen, aber mit sich reden lässt und Spaß an einem kleinen Schlagabtausch hat. Jetzt weiß ich auch, warum ein Telekinetiker sich nicht einfach mal kurz die Lottozahlen werfen lassen kann, die er auf dem Schein angekreuzt hat. Er befiehlt nicht, es ist ein Dialog unter Gleichen. Psi ist Harmonie. Alle Teile eines Systems und in ihm das menschliche Individuum handeln gemeinsam, keines beherrscht das andere. Der menschliche Geist unterwirft nichts. Er ist nur dabei, wenn etwas Außerordentliches passiert, und macht mit.
Am andern Morgen – sehr früh am Morgen – begriff ich, warum Meisner so grätig gewesen war, denn mir fiel auf dem Flughafen der Gute Tag in die Hände.
»Stuttgarter Staatsanwalt verwanzt Psi-Institut«, titelte er. Nach dem noch immer nicht aufgeklärten mysteriösen Tod des renommierten Parapsychologen Gabriel Rosenfeld Ende Januar dieses Jahres, hieß es im Artikel, seien aufgrund einer Anzeige der Institutsleiterin Derya Barzani von der Polizei Abhörwanzen im Institut in Holzgerlingen sichergestellt worden. »Aus einem internen Bericht, der dem Blatt vorliegt, geht hervor, dass die Stuttgarter Staatsanwaltschaft bereits Anfang Februar eine externe Sicherheitsfirma beauftragt hat, in der Wasserburg Kalteneck Abhörtechnik zu installieren. Zum damaligen Zeitpunkt standen die jetzige Institutsleiterin Barzani und die inzwischen verstorbene Sekretärin unter Tatverdacht. Die Ermittler gingen von einer Eifersuchtssituation aus, nachdem die Sekretärin erklärt hatte, sie sei von ihrem Chef schwanger.« Man habe gehofft, fuhr das Blatt fort, aus den Gesprächen und Auseinandersetzungen der beiden nähere Hinweise zu erhalten. Eine richterliche Genehmigung sei der ermittelnden Staatsanwältin Meisner zuvor verweigert worden.
So also stellte sich Klein Moritz Ermittlungen vor. Wohl zu viele Krimis geguckt oder was?
Der Stuttgarter Anzeiger , den ich im Flugzeug bekam, hatte bereits das Dementi der Staatsanwaltschaft. Es gebe weder diesen internen Bericht, noch habe die Staatsanwaltschaft irgendwo Abhörtechnik installieren lassen, schon gar nicht von einer externen Firma, deren Namen man aber gerne erfahren würde, um gegen sie zu ermitteln.
45
Wir landeten kurz nach acht auf dem für Touristenströme organisierten Flughafen Alicante. Es musste geregnet haben in der Nacht. Auf der Straße standen Pfützen, es roch nach Katzen und Müllkippe. Eine Stunde später rollte ich mit Cipión auf dem Beifahrersitz im Gebläse der Klimaanlage eines Leihwagens in Richtung San Vicente del Raspeig durch eine von langem pfleglosem Gebrauch zerschundene Landschaft: flach, kahl, erdig, zuweilen bewässert, was zu geometrisch angeordneten giftgrünen Massenwucherungen führte.
Ich gestehe: Obwohl ich als Fremdsprachensekretärin Spanisch gelernt hatte, war ich noch nie in Spanien gewesen. Von Lebensgelassenheit und Flamenco-Schwüle keine Spur. Die Küste wurde von unfreundlicher Industrie und Autobahnen beherrscht. Am Horizont langweilte sich ein Meer. Menschen, soweit hinter Autoscheiben erkennbar, waren genervt und hatten es eilig.
San Vicente grenzte an den Campus der Universität Alicante und war um halb zehn morgens ein menschenleeres Kaff des weißen Grauens. Häuser wie Schuhschachteln ohne Dächer. Meine Gier nach Kaffee führte mich in eine dunkle Bar in abgehalfterter Gegend. Der Wirt war unrasiert. Von der Nacht war noch ein Gast übrig geblieben – genauso wie die Olivenkerne, Papierservietten und Zahnstocher auf dem Boden –, der eine mächtige Tüte
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