Ueber Deutschland
mit ihnen nicht theilen konnten. Hierin gingen wir aber zu weit; damit nicht zufrieden, die griechischen Stücke lebendiger zu machen, liehen wir den Personen des Alterthums unsre Sitten, unsre Gefühle, die neuere Politik, die neuere Liebeskunst. Eben deswegen können so viel Ausländer keinen Sinn für die Bewunderung haben, die wir unsern tragischen Meisterwerken zollen. Und in der That, sobald man sie in einer fremden Sprache wiederholen hört, sobald sie von der magischen Schönheit des Stils entblößt sind, muß man sich über die wenige Rührung, die sie hervorbringen, und über so manchen Uebelstand wundern, der in ihnen liegt; denn was sich weder mit den Sitten der laufenden Zeit, noch mit den Nationalsitten derer, die man darstellt, verträgt, gehört doch wohl zu den Uebelständen? oder ist nur das lächerlich, was den Franzosen nicht ähnlich ist?
Die Trauerspiele griechischen Ursprungs verlieren nichts dabei, daß man sie der Strenge der französischen Regeln unterwerfe; wollten wir aber in Frankreich, wie in England, ein historisches Theater haben; wollten wir an unsern Erinnerungen Interesse, in unsrer Religion Rührung finden, wie wäre es dann noch möglich, sich, einerseits, streng an die drei Einheiten zu binden, und andererseits, dem Prunke anzuhängen, den man sich in unsern Tragödien zum Gesetze gemacht hat?
Die Frage der drei Einheiten ist so abgenutzt, daß man kaum noch ein Wort darüber verlieren darf; gleichwohl ist, von diesen drei Einheiten, nur die eine wesentlich; die der Handlung: die beiden andern sind ihr untergeordnet. Wenn aber die Wahrheit der Handlung unter der kindischen Nothwendigkeit leidet, sich an den Ort und an die Zeit von vierundzwanzig Stunden zu binden, so heißt, diese Nothwendigkeit auferlegen, nichts mehr und nichts weniger, als dem dramatischen Genie einen Zwang auflegen, demjenigen gleich, der den Dichter verdammen würde, alles in Acrostichen zu schreiben: ein Zwang, der in beiden Gattungen das Wesen der Kunst der Form aufopfert.
Von unsern großen tragischen Dichtern, ist Voltaire derjenige, der am öftersten moderne Gegenstände bearbeitet hat. Um den Zuschauer zu rühren, nahm er seinen Stoff aus der Geschichte des Christenthums und der Ritterzeit, und will man ehrlich seyn, so wird man zugeben müssen, daß bei den Vorstellungen von Alzire, Tancred, Zaire mehr geweint wird, als bei allen griechischen und römischen Meisterstücken unsrer Bühne. Mit einem sehr untergeordneten Talent, ist es Dübelloy [Pierre Laurent Buirette de Belloy?] gleichwohl gelungen, auf der französischen Bühne französische Erinnerungen zu wecken, und obschon ihm die Kunst des Stils fehlt, findet man doch in seinen Trauerspielen ein Interesse, dem gleich, welches die Griechen empfinden mußten, wenn sie die großen Züge aus ihrer Geschichte dargestellt hatten. Welchen Vortheil könnte das Genie aus einer solchen Stimmung ziehen? Gleichwohl giebt es in den letzten Zeitaltern unsrer Geschichte, kaum eine einzige Begebenheit, deren Handlung an einem Tage, oder an einem Orte vor sich gehen konnte; die Verwickelung der bürgerlichen Ordnung der Dinge bringt weit mehr Verschiedenheit in die Ereignisse; eine zartere Religion flößt weit zartere Gefühle ein; Gemälde, die unsrer Zeit näher stehen, müssen weit mehr Wahrheit in der Sittenschilderung beobachten: dieses alles zusammengenommen zwingt uns, zu unsern dramatischen Arbeiten einen größern Maaßstab anzunehmen.
Wir finden in den neuesten Zeiten ein Beispiel, wie schwer es hält, in Gegenständen aus der neuern Geschichte der dramatischen Orthodoxie treu zu bleiben. Die Templer des Herrn Raynouard sind ohne Zweifel eines der lobenswürdigsten Werke, die seit lange erschienen: ist es aber dabei nicht immer befremdend und seltsam, daß der Verfasser sich in der Nothwendigkeit befand, den Orden der Templer binnen vierundzwanzig Stunden, anklagen, richten, verdammen und verbrennen lassen zu müssen? Die Revolutionstribunale wußten sich zu fördern: aber bei allem ihren schrecklich-guten Willen hätten sie doch mit keinem französischen Trauerspiele Schritt halten können. Es würde mir ein leichtes seyn, die Unschicklichkeiten zu zeigen, die aus der Beobachtung der Einheit der Zeit für die meisten unserer Tragödien aus der neuern Geschichte erwachsen sind; aber dies eine Beispiel, vorzugsweise ausgesucht, reicht hin, meinen Satz zu beweisen.
In Raynouards schönem Trauerspiel findet man übrigens eines der erhabensten
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