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Ueber Deutschland

Titel: Ueber Deutschland Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Germaine de Staël
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aufzustellen, als wenn man ihn selbst in verschiedenen Verhältnissen auftreten läßt; das Gemeine in der Natur fließt oft mit dem Erhabenen zusammen, hebt bisweilen sogar die Wirkung des Erhabenen heraus; und überdies erfordert die Entwickelung eines Characters einen etwas längeren Zeitraum; in vierundzwanzig Stunden läßt sich eigentlich nichts als eine Catastrophe erwarten. Man wird mir vielleicht einwenden, die Bühne sey mehr für die Catastrophen als für nüanzirte Gemählde geeignet; freilich gefällt eine durch lebhafte Leidenschaften erregte Bewegung dem größern Theile der Zuschauer mehr, als die Aufmerksamkeit, die das Studium des menschlichen Herzens erfordert. Hier kann bei der Mehrheit der dramatischen Systeme, der Nationalgeschmack allein entscheiden: so viel aber muß man zugeben, daß, wenn andre Nationen die dramatische Kunst unter einen andern Gesichtspunkt fassen, als wir, es keinesweges eine Folge der Unwissenheit, der Barbarei, sondern das Resultat tiefer Beobachtungen ist, welche allerdings beherzigt zu werden verdienen.
    Shakespear, den wir so gern einen Wilden schelten möchten, hat vielleicht einen zu philosophischen Geist, einen zu spitzfindigen Scharfsinn in die Ansicht der Bühne gebracht; er beurtheilt die Charactere mit der Unparteilichkeit einer höhern Intelligenz, stellt sie bisweilen mit einer fast machiavellischen Ironie auf; in seinen Zusammensetzungen liegt eine solche Tiefe, daß durch das schnelle Treiben der theatralischen Handlung ein großer Theil der in ihnen enthaltenen Ideen verloren gehen muß. In dieser Hinsicht, ist es besser seine Stücke zu lesen, als sie aufführen zu sehen. Bei seiner Ueberfülle an Witz, läßt Shakespear nicht selten das Feuer der Handlung erkalten. Die Franzosen verstehen sich besser darauf, die Personen, wie die Decorationen, mit großen Pinselstrichen zu malen, die aus der Ferne wirken. – Was? wird man sagen, wie könnte man Shakespear Schuld geben, er male zu fein, er, der sich so schauderhafte Situationen erlaubt hat? Aber Shakespear vereinigt oft in sich entgegengesetzte Eigenschaften und selbst entgegengesetzte Fehler, steht bald diesseits, bald jenseits der Gränzlinie der Kunst, kennt aber das menschliche Herz noch mehr als die Bühne.
    In den Dramen, den komischen Opern, den Lustspielen, entwickeln die Franzosen einen Scharfsinn, eine Grazie, die sich, in diesem Grade, nur in ihnen findet; von einem Ende Europa's bis zum andern, werden diese Stücke allgemein übersetzt und gespielt: nicht so, ihre Tragödien. Die strengen Regeln, denen man sie unterwirft, zeichnen ihnen mehr oder weniger einen so engen Kreis vor, daß sie der Vollkommenheit des Stils schlechterdings bedürfen, um bewundert werden zu können. Wollte man in Frankreich, in einem Trauerspiele, irgend eine Neuerung wagen, so würde es gleich von allen Seiten heißen: es ist keine Tragödie, es ist ein Melodram. Wäre es aber nicht der Mühe werth, zu untersuchen, weswegen die Melodramen so vielen Leuten gefallen? In England finden alle Classen Vergnügen an Shakespears Stücken. Unsre schönsten Tragödien hingegen haben kein Interesse für den gemeinen Mann; unter dem Vorwande eines zu reinen Geschmacks, einer zu zarten Empfindung, um sich gewissen Erschütterungen hingeben zu können, theilt man bei uns die Kunst in zwei Theile; die schlechten Stücke enthalten rührende Situationen, in nachläßigen Reimen vorgetragen; die schönen Stücke liefern in bewundernswürdigen Versen, würdevolle, aber eben deswegen oft kalte, steife Situationen. Wir besitzen nur eine überaus kleine Anzahl von Tragödien, welche die Einbildungskraft aller Menschen, aus allen Classen, zugleich erschütterten.
    Die Bemerkungen, die ich mir hier erlaube, haben keineswegs zur Absicht, gegen unsre großen Meister den geringsten Tadel zu äußern. Mögen immerhin in den Stücken der Ausländer einzelne Auftritte lebhaftere Wirkungen hervorbringen; dennoch läßt sich mit dem bedeutsam auftretenden, in einander greifenden Ganzen unsrer dramatischen Meisterwerke nichts in Vergleichung bringen; die Frage ist bloß, ob, wenn man sich, wie bisher geschah, auf ihre Nachahmung beschränkt, jemals neue Meisterstück hervorgehen werden? Im Leben darf nichts stillständig seyn; die Kunst wird zu Stein, sobald sie nicht in Bewegung bleibt. Eine zwanzigjährige Revolution hat der Einbildungskraft andre Bedürfnisse mitgetheilt, als die sie zur Zeit Crebillons und seiner Romanenschilderungen der Liebe

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