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Ueber Deutschland

Titel: Ueber Deutschland Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Germaine de Staël
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und der Gesellschaft kannte. Die griechischen Stoffe sind erschöpft; einem einzigen Dichter, Lemercier, ist es gelungen, in einem antiken Felde neue Lorbeern einzuernten, und den Agamemnon zu schreiben; aber des Jahrhunderts natürliche Tendenz ist das historische Trauerspiel.
    In den Begebenheiten, welche Nationen interessiren, ist alles Trauerspiel; und das unermeßliche Drama, welches seit sechstausend Jahren vom Menschengeschlecht aufgeführt wird, würde dem Theater unzählig reichhaltige Stoffe liefern, sobald der dramatischen Kunst mehr Freiheit verstattet wäre. Die Regeln sind der bloße Wegweiser des Genies; sie sagen ihm bloß: hier sind Corneille, Racine, Voltaire durchgekommen. Wozu aber, wenn man nur das Ziel erreicht, über die Wege klügeln und meistern? und ist dieses Ziel nicht die Rührung des Gemüths durch Veredlung?
    Die Neugier ist eines der großen Triebräder der Bühne; gleichwohl bleibt das Interesse, das die Tiefe des Affects hervorbringt, das einzig unerschöpfliche. Man gewinnt Sinn für die Poesie, die den Menschen dem Menschen offenbart; man sieht mit Theilnahme, wie das Geschöpf nach unserm Bilde gegen das Leiden ankämpft, unterliegt, den Sieg davon trägt, unter der Gewalt des Schicksals dahinsinkt und wieder emporsteigt. In einigen unserer Trauerspiele stößt man auf eben so gewaltsame Lagen als in englischen oder deutschen; nur sind diese Lagen nicht in ihrer ganzen Stärke dargestellt; oft hat man mit Bedacht, aus Affectation, die Wirkung einer Situation gemildert oder besser zu sagen, vermischt. Höchst selten tritt man aus einer conventionellen Natur heraus, die das Recht zu haben glaubt, die Sitten der Alten, wie die Sitten der Neuern, mit denselben Farben auszumalen, das Verbrechen wie die Tugend, den Mord wie die Galanterie zu behandeln. Diese Natur ist schön und mit Auswahl geschmückt; wird aber am Ende zur Last; und das Bedürfniß, sich in tiefere Geheimnisse zu stürzen, muß das Genie unwiderstehlich ergreifen.
    Es wäre daher sehr zu wünschen, man könnte den Umkreis durchbrechen, den Abschnitt und Reim um die Kunst gezogen haben; es wird nöthig, mehr Freiheit zu gestatten, mehr Kenntniß der Geschichte zu fordern; denn wollte man sich fortdauernd und ausschließlich an immer matter werdende Nachbildungen einiger Meisterwerke halten, so würde man zuletzt nur Heldenschaupuppen auf der Bühne sehen, die der Pflicht die Liebe aufopfern, der Sclaverei den Tod vorziehen, in ihren Handlungen, wie in ihren Reden, von der Antithesenwuth ergriffen werden, aber mit dem wundernswürdigen Geschöpfe, das man den Menschen nennt, eben so wenig gemein haben, als sie mit dem furchtbaren Schicksal, das dieses Wesen abwechselnd mit sich fortreißt und verfolgt, in Verbindung stehen.
    Die Fehler der deutschen Schaubühne sind leicht bemerkbar; denn in den Künsten wie in der Gesellschaft, fällt alles, was mit dem Mangel an Weltgebrauch im Zusammenhange steht, selbst oberflächlichen Gemüthern in die Augen; da es im Gegentheil nothwendig ist, um die Schönheiten zu fühlen, die aus der Seele entspringen, bei der Abschätzung der Werke, die uns vorgelegt werden, mit einer Art von Gutmüthigkeit zu Werke zu gehen, die mit einer höhern Uebersicht vollkommen vereinbar ist. Das Spotturtheil ist nicht selten ein gemeines Gefühl, das sich die Stirn der Unverschämthett giebt. Die Fähigkeit hinter allen Falten und Geschmacksfehlern in der Literatur, wie hinter allen Absprüngen im Leben, die wahre Größe eines Kunstwerks und eines Menschen herauszufinden; – diese Fähigkeit ist die einzige, die dem kritischen Richter Ehre macht.
    Indem ich hier ein Theater bekannter mache, dessen Grundsätze von den unsrigen so gar abweichen, bin ich fern, behaupten zu wollen, diese Grundsätze seyen die bessern, und noch weniger, man müsse sie in Frankreich befolgen; nur so viel ist ausgemacht: fremde Combinationen können zu neuen Ideen Anlaß geben; und wenn man sieht, von welcher Dürre unsre Literatur bedroht wird, ist der Wunsch ziemlich natürlich, daß es unsern Literatoren gefallen möge, die Gränzen ihrer Laufbahn etwas weiter abzustecken, und auch ihrerseits in dem Gebiete der Einbildungskraft Eroberungen zu machen. Sollte es den Franzosen schwer dünken, einem Rathe, wie diesem, Gehör zu geben?
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Sechszehntes Capitel. Lessings Schauspiele.
    Vor Lessings Zeiten hatten die Deutschen keine Schaubühne; sie begnügten sich mit Uebersetzungen oder mit

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