Ueber Deutschland
befindet sich ein Todesurtheil darunter; in seiner Ungeduld, die geliebte Emilia nicht zu verfehlen, ist der Prinz im Begriff zu unterschreiben, ohne gelesen zu haben; jetzt findet der alte Rath einen Vorwand, ihm das Papier vorzuenthalten, und schaudert bei dem Gedanken an den unüberlegten Mißbrauch einer solchen Macht. Die Rolle der Gräfin Orsina, die der Prinz vorher liebte, und um Emilien verließ, ist mit dem größten Talent bearbeitet. In der Orsina ist ein Gemisch von Leichtsinn und Heftigkeit, ein Charakter, wie man ihn leicht bei einer Italienerin, die an einem Hofe lebt, finden kann; man entdeckt zugleich in ihr, was die große Welt aus ihr gemacht hat, und was die große Welt in ihr nicht ersticken können; die Natur des Süden[s] mit der ganzen Künstlichkeit des Hoflebens verbunden, Stolz mit dem Laster, Eitelkeit mit Empfindelei; ein seltsames Gemisch! Bei den Gesetzen, die uns der Vers und die feststehende Formen auflegen, kann ein solches Gemälde nicht Statt finden, aber darum ist es nicht minder tragisch.
Der Auftritt, in welchem die Gräfin Orsina Emiliens Vater aufreizt, den Fürsten zu morden, um seine Tochter der Schande, die auf sie wartet, zu entreißen, ist außerordentlich schön. Das Laster giebt der Tugend die Waffen in die Hand; man hört die Leidenschaft alles sagen, was die strengste Moral sagen könnte, um die gekränkte Ehre eines alten Vaters zu entflammen; man sieht das menschliche Herz in einer neuen Lage aufgedeckt; und eben in solchen Schöpfungen zeigt sich das wahre dramatische Genie. Der Vater empfängt den Dolch von der Gräfin; und, da er den Prinzen nicht durchbohren kann, ersticht er die Tochter. Ohne es selbst zu wissen, ist die Orsina die Urheberin des Mordes: sie hat ihre vorübergehende Wuth in ein tiefes Gemüth eingegraben; den unsinnigen Klagen ihrer strafbaren Liebe floß das unschuldige Blut.
Man stößt in den Hauptrollen der Stücke Lessings auf gewisse Familienzüge, woraus man den Schluß ziehen möchte, er selbst habe sich in diesen Rollen aufstellen wollen: der Major Tellheim in Minna, Odoardo in Emilia, der Templer in Nathan treten alle drei mit einer stolzen Empfindlichkeit auf, in welcher ein Anstrich von Menschenhaß liegt.
Nathan der Weise ist Lessings Meisterstück. Es ist unmöglich, die religiöse Toleranz mit mehr Natur und Würde handelnd darzustellen und auf die Bühne zu bringen. Ein Muselmann, ein Tempelherr und ein Jude sind die Hauptpersonen des Drama, dessen erster Gedanke aus der Erzählung .des Boccaz von den drei Ringen entnommen ist: die ganze Anordnung gehört Lessing. Der Muselmann ist der Sultan Saladin, den die Geschichte so groß schildert; der junge Tempelherr trägt im Herzen die ganze Strenge seines Ordens; der Jude ist ein Greis, der im Handel reich geworden, aber durch Aufklärung und Wohlthun sich ein edles Wesen zu eigen gemacht hat. Ihm ist alles, was im verschiedenen Glauben der Menschen aufrichtig ist, wahr; im Herzen jedes Tugendhaften sieht er das Bild der Gottheit. Dieser Charakter ist von bewundernswürdiger Einfalt. Man erstaunt über die Rührung, die er hervorbringt, obschon er weder von lebhaften Leidenschaften, noch von hinreissenden Umständen fortgezogen wird. Nur da man dem weisen Nathan ein Mädchen entreißen will, dem er Vater geworden, die er seit ihrer Kindheit mit Sorgfalt gepflegt, übermannt ihn der Schmerz, sich von ihr zu trennen; und, von dem Gefühl der Ungerechtigkeit überwältigt, erzählt er, wie er zum Besitze des Mädchens gekommen ist.
In einer Nacht erschlugen die Christen alle Juden in Gaza; unter ihnen befand sich Nathans Frau mit sieben hoffnungsvollen Söhnen. Drei Tage und Nächte hatte Nathan in Staub und Asche vor Gott gelegen, und der Christenheit den unversöhnlichsten Haß zugeschworen; doch nun kam die Vernunft allmählig wieder. Er rief aus: „Doch ist Gott! Doch war auch Gottes Rathschluß das!“ – Indem kam ein Klosterbruder, überreichte ihm ein christliches Waisenkind, bat ihn, sich desselben anzunehmen. Nathan nahms und schluchzte: „Gott! auf sieben doch nun schon eines wieder!“ Nathans Rührung bei dieser Erzählung ist desto rührender, da er sich ihrer zu erwehren strebt, und, als Greis, sich schämt, was in ihm vorgeht, hervorblicken zu lassen. Seine erhabene Geduld ermüdet nicht; und ob man schon seinem Glauben und seinem Stolze zugleich tiefe Wunden schlägt; ob man es ihm schon zum Verbrechen macht, seine Recha in der jüdischen Religion erzogen zu
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