Ueber Deutschland
hatte.
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Siebenzehntes Capitel. Die Räuber und Don Carlos, von Schiller.
In seiner ersten Jugend schlug in Schiller eine Talentader, waltete in ihm ein Gedankenrausch, die ihn irre leiteten. Die Verschwörung des Fiesko, Cabale und Liebe, die Räuber (letzteres ist auch auf die französische Bühne gebracht worden), sind Werke, die vor dem Richterstuhl der Kunst, wie vor dem der Moral, verwerflich seyn dürften. Aber seit dem fünfundzwanzigsten Jahre war alles, was aus Schillers Feder floß, lauter und streng. Die Erziehung durch das Leben verschlechtert die leichtsinnigen Gemüther, und vervollkommnet die Denker.
Die Räuber sind ins Französische übersetzt, aber mit seltsamen Veränderungen; denn erstlich, hat man auf die Zeit keine Rücksicht genommen, und somit ist alles historische Interesse verschwunden. Das Stück spielt im fünfzehnten Jahrhundert, in dem Zeitpunkt, wo im deutschen Reiche das Edikt zum ewigen Frieden gegeben wurde, welches alle besondere Fehden verbot. Dieses Edikt trug zur inneren Ruhe von Deutschland nothwendig viel bei; aber der junge Adel, gewohnt, sich auf seine eigene Kraft zu verlassen, und in Fehden und Gefahren zu leben, glaubte in eine Art schimpflicher Unthätigkeit gesunken zu seyn, als er sich dem neuen Gesetze unterwerfen mußte. Nichts war ungereimter als diese Ansicht der Dinge; da nun aber einmal die Menschen sich von der Gewohnheit beherrschen lassen, so ist nichts natürlicher, als sie selbst gegen das Bessere empört zu sehen, weil dieses Bessere eine Neuheit, eine Veränderung ist.
Schillers Räuberhauptmann ist im fünfzehnten Jahrhundert nicht so gräßlich als er es in unseren Zeiten seyn würde; denn zwischen dem Faustrecht seiner Zeit, und dem Räuberhandwerk, das er ergreift, war der Unterschied eben nicht groß, nur hat diese Art von Entschuldigung, die der Verfasser seinem Helden unterlegt, das Stück für die Moralität gefährlicher gemacht. Es ist nicht zu läugnen, daß es in Deutschland eine nachtheilige Wirkung hervorbrachte. Junge Leute, enthusiastisch in den Charakter und in die Lebensweise des Räuberhauptmanns verliebt, haben es versucht, ihn nachzuahmen, haben ihren Hang zum Libertinerleben mit dem ehrenvollen Namen der Freiheitsliebe belegt, und sich beredet, wenn sie ihrer persönlichen Lage überdrüßig waren, es sey der gerechte Unwille gegen die Mißbräuche der Gesellschaft, den sie in sich fühlten. Ihre Versuche, in die Böhmischen Wälder zu ziehen, blieben beim Lächerlichen stehen; gleichwohl haben Romane und Schauspiele in Deutschland weit mehr zu bedeuten, als in jedem andern Lande. Alles wird hier ernsthaft betrieben, und ein Buch oder ein Stück haben Einfluß auf ein ganzes Leben. Was man als Werk der Kunst bewundert, will man sogleich als Handlung in das Leben einführen. Werther hat mehr Selbstmorde veranlaßt, als das schönste Weib; und Dichtkunst, Philosophie, Ideal, vermögen oft mehr über deutsche Gemüther, als Natur und Leidenschaften.
Der Stoff der Räuber, wie so viel anderer Dichtungen, ist ursprünglich aus dem verlornen Sohn entnommen. Franz, ein Heuchler, führt sich, dem Anscheine nach, gut auf. Carl, ein Libertiner, hat, bei seinen Fehlern, einen guten Grund. Dieser Gegensatz ist in religiöser Hinsicht, sehr schön, und lehrt uns, daß Gott die Herzen durchschaue; er hat aber große Nachtheile, sobald er für den Sohn, der das Vaterhaus verließ, zu viel Theilnahme erregen soll. Alle junge Leute von verkehrtem Kopfe maßen sich ein gutes Herz an, und doch ist nichts ungereimter, als sich gute Eigenschaften zuzuschreiben, weil man Fehler in sich fühlt; diese negative Bürgschaft ist nichts weniger als zuverläßig, denn daraus, daß es uns an Vernunft fehlt, folgt keinesweges, daß man Empfindung besitze; oft ist die Thorheit nichts weiter als ein stürmischer Egoismus.
Die Person des Heuchlers, wie Schiller ihn gezeichnet hat, ist gar zu gräßlich. Junge Schriftsteller fallen oft in den Fehler, mit abstoßenden Zügen zu malen; halten die Farbenmischungen in den Gemälden für Zaghaftigkeit des Charakters, da sie doch der Beweis der Talentreife sind. Wenn aber, in diesem Stücke, die Personen zweiter Ordnung nicht mit gehöriger Wahrheit ausgemalt sind, so sind es die Leidenschaften des Räuberhauptmanns mit bewundernswürdiger Kunst. Die Kraftäusserung dieses Charakters zeigt sich wechselsweise im Unglauben, in der Religiosität, in der Liebe, in der wildesten Roheit; da für ihn
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