Ueber Deutschland
als die Kunst, unbekannten Personen einen so bestimmten Charakter zu geben, daß sie sich berühmten Namen zur Seite stellen können. König Lear, Othello, Orosman, Tancred, haben von Shakespeare und Voltaire die Unsterblichkeit erhalten, ohne je gelebt zu haben; nichts desto weniger sind erdichtete Stoffe die gewöhnliche Klippe des Dichters, eben weil sie ihn gar zu unabhängig machen. Historische Stoffe scheinen Zwang anzulegen; hat man aber einmal den Stützpunkt ergriffen, den gewisse Gränzen hinstellen, ist man in die Bahn eingetreten, die sie vorzeichnen, hat man den Anlauf genommen, den sie verstatten, so sind eben diese Gränzen dem Talente zuträglich und günstig. Die treue Poesie läßt die Wahrheit hervorspringen, wie der Sonnenstrahl die Farben heraushebt; sie giebt den Begebenheiten, die sie schildert, den Glanz zurück, den ihnen der finstre Schleier der Zeit geraubt hatte.
In Deutschland giebt man den historischen Trauerspielen den Vorzug, wenn sich die Kunst, wie ein rückwärts gekehrter Prophet [So nennt Friedrich Schlegel einen Historiker von durchdringendem Geiste.] , darin offenbaret. Der Verfasser, der ein Werk dieser Art liefern will, muß sich ganz in das Jahrhundert und in die Sitten der Personen versetzen, die er darstellt; ein Anachronismus in den Gesinnungen und in der Sinnesart verdiente strengere Rüge, als einer in der Jahres- und Tageszahl.
Nach diesen Grundsätzen haben Einige Schillern getadelt; den Charakter des Marquis Posa, eines spanischen Grande, eines warmen Anhängers der Freiheit, der Toleranz, eines leidenschaftlichen Begünstigers der neuen Ideen, die zu seiner Zeit in Europa zu gähren anfingen, gedichtet zu haben. Ich, für meinen Theil, würde es Schillern eher zum Vorwurf machen, daß er dem Marquis seine eigne Meinungen in den Mund gelegt; doch muß man nicht hinzusetzen wollen, wie es Manche gethan, daß er den Geist des achtzehnten Jahrhunderts aus ihm sprechen ließ. Der Marquis Posa, wie ihn Schiller gezeichnet, ist ein deutscher Enthusiast; und dieser Charakter ist unserer Zeit so fremd, daß man ihn eben so wohl im sechszehnten Jahrhundert als im gegenwärtigen finden kann. Ein größerer Mißgriff ist vielleicht die Voraussetzung, daß ein König wie Philipp II. dem Marquis Posa so lange zuhören, ja ihm nur einen Augenblick sein Zutrauen schenken konnte. Mit Recht sagt Posa von Philipp:
Den König geb' ich auf. Was kann ich auch
Dem König seyn? In diesem starren Boden
Blüht keine meiner Rosen mehr.
Aber ein Philipp II. würde nie mit einem jungen Mann wie Posa eine Unterhaltung gehalten haben. Der alte Sohn Carls V. konnte in der Jugend und im Enthusiasmus nichts anders sehen, als das Unrecht der Natur und das Verbrechen der Reformation; sich nur auf einen Tag einem edeln Charakter anvertrauen, hätte seinen Charakter verläugnen, und auf die Verzeihung der Jahrhunderte Anspruch machen, geheißen.
Es giebt Inconsequenzen im Charakter aller Menschen, selbst der Tyrannen; aber ihre Absprünge und Folgewidrigkeiten hängen durch unsichtbare Bande mit ihrer Natur zusammen. Im Don Carlos wird einer dieser Scheinwidersprüche auf eine sinnreiche Art aufgegriffen. Der Herzog von Medina-Sidonia, ein alter Admiral, der die unüberwindliche Flotte anführte, die von den Stürmen und den Engländern zerstreut wurde, kommt nach Madrid zurück, und Alles glaubt, Philipps Zorn werde ihn zernichten. Die Hofleute drehen ihm den Rücken zu, keiner wagt es, ihn anzureden: er kniet vor dem Könige nieder, mit gesenktem Haupte, und spricht:
Das, großer König,
Ist alles, was ich von der span'schen Jugend
Und der Armada wiederbringe.
Der König (nach einem langen Stillschweigen)
Gott
Ist über mir – Ich habe gegen Menschen
Nicht gegen Stürm' und Klippen Sie gesendet.
(Reicht ihm die Hand zum Kusse)
Seyd mir willkommen in Madrid. – Und Dank,
Daß Ihr in Euch mir einen würd'gen Diener
Erhalten habt!
Hier ist wahre Geistesgröße; aber worin liegt sie? In einer Art von Achtung vor dem Alter, von Seiten eines Monarchen, der darüber erstaunt, daß die Natur ihn selbst alt machen durfte. Ferner, in dem Stolze Philipps, der ihm nicht erlaubt, sich selbst seine Unfälle schuld zu geben, indem er sich einer schlechten Wahl anklagt; in der Nachsicht, die er für einen Mann empfindet, den das Geschick niederschlug, weil er es im Grunde gern sieht, daß jeder Stolz, nur nicht der seine, unter das Joch der Nothwendigkeit gebeugt werde; endlich in
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