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dem Charakter eines Despoten selbst, den natürliche Hindernisse weniger empören, als der geringste absichtliche Widerstand. Dieser Auftritt wirft ein tief eindringendes Licht auf Philipps Charakter.
Unstreitig läßt sich die Rolle des Marquis Posa als die Schöpfung eines jungen Dichters ansehen, der das Bedürfniß in sich fühlt, sein Gemüth der Lieblingsperson seines Stücks einzuhauchen. Inzwischen ist dieser rein-überspannte Charakter an einem Hofe, wo die Grabesstille, das Schweigen und Zittern, nur von dem unterirdischen Treiben der Ränkesucht unterbrochen wird, an sich eine große Schönheit des Stücks. Don Carlos kann kein großer Mann seyn; seinem Vater mußte es gelingen, ihn schon in der Kindheit niederzudrücken; der Marquis Posa ist ein nothwendiges Mittelwesen zwischen Philipp und ihm. Don Carlos hat allen Enthusiasmus, der aus den Affecten des Herzens entspringt; Posa, den, der aus den öffentlichen Tugenden fließt; er hätte einst der König, jener der Freund seyn müssen; und diese Versetzung der Charaktere ist eine der sinnreichsten Ideen; denn wie wäre es möglich, daß der Sohn eines finstern, grausamen Despoten je Held und Bürger seyn könnte? wo könnte er es gelernt haben, Menschen zu achten? Etwa von seinem Vater, der sie verachtet, oder von den Höflingen seines Vaters, die diese Verachtung verdienen? Don Carlos muß schwach seyn, um gut zu seyn, und die Stelle selbst, die seine Liebe in seinem Leben einnimmt, schließt jeden Gedanken an Politik von seinem Gemüthe aus. Ich sage es noch einmal, die Dichtung des Marquis Posa scheint mir nothwendig, um im Schillerschen Stücke das große Interesse der Nationen und jene ritterliche Kraft anzudeuten, die sich plötzlich, als Folge der damaligen Aufklärung, in Freiheitsliebe verwandelte. So sehr man auch diese Gefühle und Triebe modificirt hätte, um sie dem Thronerben von Spanien anzupassen, so wenig würde sie ihn gekleidet haben; man hätte sie nur für gespielten Edelmuth halten können; und nie darf die Freiheit als ein Geschenk der Macht dargestellt werden.
Der steife, feierliche Hofzwang, hinter den sich Philipp II. verschanzt, wird in einem Auftritt der Königin Elisabeth mit ihren Ehrendamen lebendig geschildert. Sie frägt ihre Oberhofmeisterin, welchen Aufenthalt sie vorziehe, Aranjuez oder Madrid? Die Herzogin erwiedert:
Ich bin
Der Meinung, Ihro Majestät, daß es
So Sitte war, den einen Monat hier,
Den andern in dem Pardo auszuhalten,
Den Winter in der Residenz, so lange
Es Könige in Spanien gegeben.
Sie erlaubt sich nicht das geringste Zeichen der Vorliebe für den einen oder den andern Aufenthalt; sie ist nicht dazu gemacht, (glaubt sie) irgend etwas zu fühlen, was ihr nicht vorgeschrieben ward. – Elisabeth wünscht ihre Tochter zu sehen; die Oberhofmeisterin versetzt, indem sie auf die Uhr sieht:
Es ist
Noch nicht die Stunde, Ihro Majestät. –
Endlich erscheint der König, und giebt einer andern Hofdame, weil sie die Königin eine halbe Stunde allein ließ,
Zehn Jahre Zeit
Fern von Madrid, darüber nachzudenken,
daß sie so strafbar sey.
Philipp II. söhnt sich auf einige Augenblicke mit seinem Sohne aus; ein Wort der Güte von seinen Lippen giebt ihm die ganze väterliche Herrschaft zurük; Don Carlos bricht in die Worte aus:
Der ganze Himmel beugt
Mit Schaaren froher Engel sich herunter,
Voll Rührung sieht der Dreimalheilige
Dem großen, schönen Auftritt zu! – Mein Vater!
Versöhnung! –
Es ist auch ein schöner Moment, wo der Marquis Posa, als er der Rache Philipps nicht mehr entgehen kann, Elisabeth bittet, die von ihnen entworfenen Pläne zum Glück und Ruhme der spanischen Nation dem Prinzen Don Carlos zur Ausführung zu empfehlen.
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Ihm, daß er für die Träume seiner Jugend
Soll Achtung tragen, wenn er Mann seyn wird.
So viel ist gewiß, daß je weiter man im Leben fortschreitet, desto mehr die Klugheit sich herausnimmt und den Vortritt vor allen übrigen Tugenden haben will; sie möchte es uns glauben machen, dem Feuer der Jugend und des Gemüths läge nichts als Thorheit zum Grunde; und gleichwohl, könnte der Mensch nur diese Glut noch behalten, wenn die Erfahrung ihn weise gemacht hat; könnte er nur das Erbe der Zeit einsammeln, ohne sich unter der Last dieses Erbtheils zu krümmen; gewiß er würde nie der überspannten Tugenden spotten, deren erster Rath immer ist: Opfere dich selbst auf!
Der Marquis Posa hat sich in eine Menge spitzfindiger
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