Ueber Deutschland
Umstände verwickelt. Er wollte den Schein haben, Don Carlos der Wuth seines Vaters Preis zu geben, um ihn desto sicherer beschützen zu können. Es ist ihm mißlungen; der Prinz ist in Verhaft; der Marquis besucht ihn im Gefängniß, setzt die Gründe seines seltsamen Betragens auseinander, aber während der Rechtfertigung trifft ihn der Schuß eines Meuchelmörders, den Philipp abgeschickt hat, und er fällt todt zu den Füßen seines Freundes nieder. Don Carlos Schmerz ist unübertreffbar; von seinem Vater, der dazu kömmt, fordert er den Freund seiner Jugend zurück, als wenn es von dem Mörder abhinge, seinem Schlachtopfer neues Leben einzuhauchen. Die Blicke auf den leblosen Leichnam geheftet, den vor kurzem noch so viel rege Gedanken beseelten, lieset Don Carlos, selbst zum Tode verurtheilt, in den kalten Zügen seines Freundes, alles, was der Tod ist.
In diesem Trauerspiel kommen auch zwei Mönche vor, deren Charaktere und Lebensarten mit einander contrastiren; der eine, Domingo, des Königs Beichtvater; der andre, Prior eines Karthäuserklosters vor den Thoren von Madrid. Domingo ist ein ränkevoller, verrätherischer, höfischer Mönch, Vertrauter des Herzogs von Alba, dessen Charakter nothwendig gegen den des Königs Philipp im Schatten steht, denn Philipp nimmt alles Schöne im Schrecklichen für sich. Der Prior empfängt, ohne sie zu kennen, den Marquis und Don Carlos, die in seinem Kloster eine Zusammenkunft verabredet hatten; sie sind lebhaft bewegt und erschüttert, der Prior kalt und gelassen. Beide Gemüthsarten bilden einen rührenden Gegensatz. «Die Welt,» sagt der Prior, «hört auf in diesen Mauern.»
Aber nichts im ganzen Stück kommt dem Originellen in der vorletzten Scene des fünften Acts, zwischen dem Könige und dem Großinquisitor, bei. Philipp, den Haß und Eifersucht wider seinen Sohn, den der Abscheu vor dem Verbrechen foltert, das er zu begehen im Begriff steht: Philipp beneidet die Edelknaben, welche ruhig am Fuße seines Bettes schlafen, während die Hölle in seinem Busen jede Ruhe von ihm scheucht. Er läßt den Großinquisitor rufen, um sich mit ihm über die Verdammung Don Carlos zu berathen. Dieser Cardinal ist neunzig Jahre alt, noch älter als es Carl V. seyn würde, dessen Lehrer er war; er ist blind, lebt in gänzlicher Abgeschiedenheit; die Späher der heiligen Inquisition allein hinterbringen ihm, was auf der Erde vorgeht; und er forschet bei ihnen nach nichts, als nach Verbrechen, Fehlern, Gedanken, um sie zu bestrafen. In seinen Augen ist der sechzigjährige Philipp II. noch ein Knabe. Der finsterste, der behutsamste aller Despoten ist ihm ein unbedachtsamer Regent, dessen Toleranz die Reformationslehre über Europa bringen wird. Der Greis ist ohne Arg, aber dergestalt durch das Alter eingeschrumpft, daß er wie ein lebendes Gespenst auftritt, das der Tod vergessen zu haben scheint, weil er es schon längst im Grabe vermuthete.
Er fordert Philipp dem II. Rechenschaft über den Tod des Marquis Posa ab, wirft ihm diesen Tod vor, weil es der Inquisition zukomme, ihn zu tödten, und wenn er das Opfer zu bedauern scheint, so ist es, weil man ihn des Vorrechts beraubte, es zu schlachten. Philipp befragt ihn über die Verdammung seines Sohns:
Kannst du mir einen neuen Glauben gründen,
Der eines Kindes blutigen Mord vertheidigt?
Der Großinquisitor antwortet:
Die ewige Gerechtigkeit zu sühnen,
Starb an dem Holze Gottes Sohn.
Welche Worte! welche blutdürstige Anwendung der rührendsten Lehre!
Mit diesem blinden Greise tritt ein ganzes Jahrhundert auf. Das erschütternde Entsetzen, welches mit der Inquisition und mit dem Fanatismus der Zeit damals schwer auf Spanien lastet, malt der schnelle laconische Auftritt; die Kunst des größten Redners bliebe, wenn sie eine solche Menge solcher Gedanken auszudrücken hätte, weit hinter der Geschicklichkeit zurück, mit welcher sie hier in die Handlung verwebt sind.
Es ist mir nicht unbewußt, daß man in Don Carlos eine Menge Unschicklichkeiten und Uebelstände aufdecken könnte: ich mag mich aber mit einem Geschäft nicht befassen, in welchem ich so viel Mitarbeiter haben würde. Ganz mittelmäßige Literatoren können in Shakespear, Göthe, Schiller Fehler wider den guten Geschmack rügen; so lange man in Kunstwerken nur das Mangelhafte aufsucht, das Unpassende trennt, ist die Arbeit leicht: was aber die Critik weder geben noch nehmen kann, ist Genie und Talent: diese muß man verehren, wo man sie findet, sollten auch
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