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Ueber Deutschland

Titel: Ueber Deutschland Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Germaine de Staël
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ihre himmlische Strahlen von einigen Wolken verdunkelt seyn. Weit entfernt, über die Verirrungen des Genies zu frohlocken, sollte man schmerzhaft fühlen, daß sie das Erbtheil des Menschengeschlechts und die Ansprüche auf Ruhm, die es stolz machen, vermindern. Der Schutzgeist, den Sterne mit so viel Anmuth schildert, sollte eben so wohl auf die Mängel eines schönen Werks, als auf die Fehler eines edeln Lebens, eine Thräne fallen lassen, um das Andenken an beide Unvollkommenheiten zu verwischen.
    Ich will nicht länger bei Schillers literärischen Jugendproducten stehen bleiben, theils weil sie ins Französische übersetzt sind, theils weil sie noch nicht den historischen Genius athmen, der ihn in seinen reifern Tragödien so bewundernswürdig macht. Don Carlos selbst, obschon auf historischen Grund gebaut, ist mehrentheils ein Werk der Phantasie. Die Intrigue ist zu verwickelt; der Marquis Posa, eine reine Schöpfung der Einbildungskraft, spielt eine zu große Rolle; man sollte sagen, diese Tragödie geht zwischen Poesie und Geschichte mitten inne, ohne dieser und jener zu genügen: ein Vorwurf, der gewiß keines der Schillerschen Stücke trifft, von denen ich noch zu reden habe.
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Achtzehntes Capitel. Wallenstein und Maria Stuart.
    Wallenstein ist unter allen Nationaltragödien, die auf der deutschen Bühne vorgestellt worden sind; die vorzüglichste; Schönheit der Verse, die Größe des Gegenstandes entzückte alle Zuschauer in Weimar, wo sie allererst gegeben wurde, und Deutschland konnte sich rühmen, einen neuen Shakespear zu besitzen. Durch Lessings Tadel des französischen Geschmacks in dramatischen Werken, durch seine Uebereinstimmung mit Diderot in ihren dramatischen Einsichten, war von der deutschen Bühne die Poesie verdrängt worden; die Schauspiele waren dialogisirte Romane, fortgesetzte Auftritte des gemeinen Lebens, mit einiger Zusammendrängung der Vorfälle und Begebenheiten, die gewöhnlich nicht so rasch auf einander folgen.
    Schiller kam auf den Gedanken, ein wichtiges Ereigniß aus dem dreißigjährigen Kriege auf die Bühne zu bringen, aus jenem bürgerlichen und Religions-Kriege, der ein mehr als hundertjähriges Gleichgewicht zwischen der katholischen und protestantischen Parthei in Deutschland herbeiführte. Die deutsche Nation ist so unzusammenhängend, daß man nie weiß, ob die Großthaten der einen Hälfte dieser Nation, ein Unglück oder ein Gegenstand des Ruhms für die andre Hälfte sind; nur Schillers Wallenstein hat den Enthusiasmus aller Theile erregt. Der ganze Stoff ist in drei besondere Stücke abgetheilt. Wallensteins Lager , das erste von den dreien, stellt die Wirkungen dar, die der Krieg auf die Masse des Volks und des Heers hervorbringt. Die Piccolomini , das Zweite, giebt die politischen Ursachen an, die den Zwist der Oberhäupter veranlaßten. Das dritte Stück, die Catastrophe, Wallensteins Tod , ist das Resultat des Enthusiasmus und des Neides, welche der große Ruf dieses Feldherrn erregt hatte.
    Ich habe den Prolog, Wallensteins Lager, spielen gesehen; man dünkte sich mitten in einem Heere, und zwar in einem Heere von Partheigängern, wo alles weit lebendiger, weit zuchtloser zugeht, als unter regelmäßigen Truppen. Bauern, Recruten, Marketenderinnen, Soldaten, alles trug das Seine zur Wirkung des Schauspieles bei; der Eindruck, den er macht, ist so kriegerisch, daß, als man es in Berlin vor den Offizieren gab, die sich anschickten in den Krieg zu ziehen, von allen Seiten das laute Geschrei des Enthusiasmus erscholl. Es setzt in einem Stubengelehrten eine ungemein rege Einbildungskraft voraus, um sich das Leben und Weben im Feldlager, die Unabhängigkeit, die rauschende Freude mitten unter den Kriegsgefahren, so lebhaft denken und vor Augen stellen zu können. Der von allem entfesselte Krieger, ohne Rückleid und Vorsicht, macht Jahre zum Tag, Tage zum Augenblick, setzt alles, was sein ist, auf einen Wurf, gehorcht dem Ohngefähr im Anführer, und überläßt es dem immer gegenwärtigen Tode, ihn von den Sorgen des Lebens lachend zu befreien. Nichts ist origineller in Wallensteins Lager, als die Erscheinung eines Kapuziners mitten in dem geräuschvollen Haufen der Soldaten, die sich für Verfechter des katholischen Glaubens halten. Der Mönch predigt ihnen die Mäßigung, die Gerechtigkeit in einer Rede voller Wortspiele und Silbenstechereien, die sich von der gewöhnlichen Lagersprache durch nichts unterscheidet, als durch einige

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