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Ueber Deutschland

Titel: Ueber Deutschland Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Germaine de Staël
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veröden. 
    Du hast das letzte, äußerste gethan,
    Welch Haupt steht fest, wenn dieses heil'ge fiel!

    Die Antwort der Elisabeth auf diese Anrede ist ausnehmend fein und geschickt angelegt. Ein Mann, in einer ähnlichen Lage, würde unbezweifelt sich der Lüge bedient haben, um die Ungerechtigkeit zu bemänteln; Elisabeth geht weiter; sie will, indem sie sich der Rache hingiebt, Interesse für sich erwecken; indem sie die grausamste Handlung begeht, ein Mitleidsgefühl für sich rege machen. Sie spielt, wenn ich mich so ausdrücken darf, das Spiel einer blutdürstigen Coketterie, und der Character des Weibes blickt aus dem des Tyrannen vor.
Ach Shrewsbury! Ihr habt mir heut das Leben
    Gerettet, habt des Mörders Dolch von mir
    Gewendet - Warum ließet ihr ihm nicht
    Den Lauf? So wäre jeder Streit geendigt,
    Und alles Zweifels ledig, rein von Schuld,
    Läg' ich in meiner stillen Gruft! Fürwahr,
    Ich bin des Lebens und des Herrschens müd'.
    Muß eine von uns Königinnen fallen,
    Damit die andre lebe – und es ist
    Nicht anders, das erkenn' ich – kann denn ich
    Nicht die seyn, welche weicht? Mein Volk mag wählen.
    Ich geb' ihm seine Majestät zurück.
    Gott ist mein Zeuge, daß ich nicht für mich,
    Nur für das Beste meines Volks gelebt.
    Hofft es von dieser schmeichlerischen Stuart,
    Der jüngern Kön'gin, glücklichere Tage,
    So steig' ich gern von diesem Thron und kehre
    In Woodstocks stille Einsamkeit zurück,
    Wo meine anspruchlose Jugend lebte,
    Wo ich, vom Tand der Erdengröße fern,
    Die Hoheit in mir selber fand. Bin ich
    Zur Herrscherin doch nicht gemacht! Der Herrscher
    Muß hart seyn können, und mein Herz ist weich.
    Ich habe diese Insel lange glücklich
    Regiert, weil ich nur brauchte zu beglücken.
    Es kommt die erste schwere Königspflicht,
    Und ich empfinde meine Ohnmacht. – 

    Bei diesen Worten unterbricht Burleigh die Königin, und macht ihr alles zum Vorwurf, worüber sie getadelt seyn will, ihre Schwäche, ihre Nachsicht, ihr Mitleid; er scheint Muth zu haben, weil er Kraft in die Forderung legt, die er an die Monarchin thut; denn diese Forderung enthält noch mehr ihren Wunsch als den seinigen. Mit der Schmeichelei im barschen rauhen Gewande des Tadels bringt man es insgemein weiter, als mit der süßlichen; und der Hofmann, der sich das Ansehen geben kann, er spreche aus der Fülle des Herzens, wenn, was er sagt, tief überlegt und fein abgewogen ist, gehört zu den ausgelernten.
    Elisabeth unterschreibt endlich das Todesurtheil. Sie ist allein mit dem Geheimschreiber, und die weibliche Schüchternheit, die ihr mitten in der Festigkeit des Despotismus anklebt, erweckt in ihr den Wunsch: möchte doch dieses untergeordnete Werkzeug deiner Befehle die Verantwortlichkeit der Sache über sich nehmen! Der Schreiber ist nicht so scharfsinnig; er dringt in die Königin, bittet um eine Erklärung, um den Befehl, das Urtheil vollstrecken zu lassen. Sie verweigert sie mit den Worten: «Thut, was eures Amts ist,» geht ab, und läßt den Unglücklichen rathlos, zweifelnd stehen. Der Kanzler Burleigh kommt dazu, entreißt ihm das Papier, und macht seiner Unschlüssigkeit ein Ende.
    Der Graf Leicester ist in die Sache hineingezogen; Mariens Freunde hatten ihn zu ihrer Rettung aufgefordert. Er erfährt, daß er bei Elisabeth angegeben ist, und ergreift plötzlich den gräßlichen Entschluß, von Maria abzuspringen, und mit eben so viel Keckheit als List, der Königin Elisabeth einen Theil der Geheimnisse zu verrathen, die ihm seine unglückliche Freundin anvertraut hat. Seine niederträchtigen Lügen und Entdeckungen überzeugen Elisabeth nur halb; sie verlangt von ihm, er solle Maria aufs Blutgerüst begleiten, zum Beweise, daß er sie nicht liebe. Diese Eifersucht als Weib, in einem Todesurtheil als Monarchin, muß Leicester mit Haß und Verachtung gegen sie erfüllen; gleichwohl muß er hier vor der Königin zittern, obschon die Natur ihn zu ihrem Gebieter machte; und dieser seltsame Contrast schafft eine ganz eigne Situation; die aber, so wie alles übrige, dem fünften Acte weit nachsteht. Ich habe in Weimar einer Vorstellung der Maria Stuart beigewohnt, und kann noch immer nicht ohne die tiefste Rührung an die erste Hälfte dieses Acts zurückdenken.
    Zuerst treten die Frauen der Maria, in tiefe Trauer gekleidet, mit verweinten Augen auf. Ihre alte Amme, mit großem, aber stillem Schmerz, trägt das Schmuckkästchen der Königin, welches sie, auf ihren Befehl, unter ihre Frauen vertheilen

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