Ueber Deutschland
soll. Sir Paulet, der Hüter Maria's, und viele Bediente, gleichfalls in schwarzen Kleidern, treten ein, und füllen das Zimmer an. Melvil, ehemaliger Haushofmeister der Königin, ist so eben aus Rom gekommen. Die Amme empfängt ihn mit Rührung, beschreibt ihm den Muth der Maria, die in diesem entscheidenden Augenblicke, gesammelt und gefaßt, einzig mit dem Heil ihrer Seele beschäftiget ist. Nur ein Kummer nagt an ihrem Herzen; sie entbehrt eines Priesters, der ihr das Nachtmahl reichen, und sie von ihren Sünden loßbinden kann. Die Amme erzählt ferner, wie ein Pochen in der Nacht ihr Ohr erschreckt hat; wie beide gehofft, es sey der kecke Versuch ihrer Freunde, sie zu retten; wie sie plötzlich erfahren, daß, zu ihren Füßen, die Zimmer das Gerüst aufschlügen. – Melvil fragt: wie Maria diesen Wechsel ertragen? Die Amme erwiedert: der Königin sey nichts schmerzhafter gewesen, als Lord Leicesters schändlicher Verrath. Da flossen ihre Thränen, setzt sie hinzu: doch bald war auch dieser Schmerz überwunden, und die Ruhe und Würde, die einer Königin ziemen, kehrten wieder zurück.
Mariens Frauen gehen aus und ein, um gegebene Befehle auszurichten. Die eine bringt einen goldenen Becher mit Wein, den Maria verlangt hat, um sich zum letzten Gange zu stärken, und setzt ihn zitternd auf den Tisch. Eine zweite tritt todtenbleich herein, sie hat unten im Vorbeigehn das schwarzbehangne Zimmer halb offen, das Gerüst, den Block, das Beil gesehn. Das Entsetzen der Zuschauer hat beinahe schon den höchsten Grad erreicht, als Maria im höchsten Schmuck der königlichen Pracht erscheint; sie allein ist weiß und festlich gekleidet, hat ein Crucifix in der Hand, ein Diadem in den Haaren; ihr Auge glänzt von der himmlischen Verzeihung, die sie durch ihre Leiden erworben.
Mit ruhiger Hoheit im ganzen Kreise herumsehend, tröstet sie ihre schluchzenden Frauen:
Was klagt ihr? Warum weint ihr? Freuen solltet
Ihr euch mit mir, daß meiner Leiden Ziel
Nun endlich naht, daß meine Bande fallen,
Mein Kerker aufgeht, und die frohe Seele sich
Auf Engelsflügeln schwingt zur ew'gen Freiheit.
Da, als ich in die Macht der stolzen Feindin
Gegeben war, Unwürdiges erduldend,
Was einer freien großen Königin
Nicht ziemt, da war es Zeit, um mich zu weinen!
– Wohlthätig, heilend, nahet mir der Tod,
Der ernste Freund! Mit seinen schwarzen Flügeln
Bedeckt er meine Schmach – Den Menschen adelt,
Den tiefgesunkenen, das letzte Schicksal.
Die Krone fühl' ich wieder auf dem Haupt,
Den würd'gen Stolz in meiner edeln Seele!
Indem sie einige Schritte weiter vortritt, bemerkt sie Melvil, und freut sich, daß ein Freund, ein Bekenner ihres Glaubens, ihr als Zeuge dasteht in der Todesstunde. Sie erkundigt sich bei ihm nach ihren theuern Blutsverwandten in Frankreich, nach ihren alten Dienern, und legt die letzten Wünsche für die Ihrigen in seine treue Brust.
Ich segne meinen Oehm, den Kardinal,
Und Heinrich Guise, meinen edlen Vetter.
Ich segne auch den Papst, den heiligen
Statthalter Christi, der mich wieder segnet,
Und den kathol'schen König, der sich edelmüthig
Zu meinem Retter, meinem Rächer anbot –
Sie alle stehn in meinem Testament,
Sie werden die Geschenke meiner Liebe,
Wie arm sie sind, darum gering nicht achten.
Sich dann zu ihren Dienern wendend, fährt sie fort:
Euch hab' ich meinem königlichen Bruder
Von Frankreich anempfohlen, er wird sorgen
Für euch, ein neues Vaterland euch geben,
Und ist euch meine letzte Bitte werth,
Bleibt nicht in England, daß der Britte nicht
Sein stolzes Herz an eurem Unglück weide,
Nicht die im Staube seh', die mir gedient.
Bei diesem Bildniß des Gekreuzigten
Gelobet mir, dies unglücksel'ge Land
Alsbald, wenn ich dahin bin, zu verlassen!
Melvil berührt das Crucifix und spricht:
Ich schwöre dir's, im Namen dieser aller.
Jetzt theilt die Königin ihren Schmuck, ihre Kostbarkeiten, unter ihre Frauen aus. Ueberaus rührend ist, was sie zu jeder besonders spricht, über ihre Gemüthsart, ihre Neigungen; wie sie einer jeden den herzlichsten Rath auf den Weg giebt. Besonders großmüthig und edel zeigt sie sich gegen eine derselben, deren Mann, Mariens Schreiber, gegen die Königin fälschlich bezeugt hatte; sie übernimmt es selbst, die Unglückliche zu trösten; sie will des Gatten Schuld an ihr nicht rächen. Und nun, indem sie sich an ihre treue Hanna wendet:
Dich, meine treue Hanna, reizet nicht
Der Werth des Goldes, nicht der Steine Pracht,
Dir
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