Und verfuehre uns nicht zum Boesen - Commissaris van Leeuwens zweiter Fall
nachdem man ihm ein paar Drinks spendiert hat oder eine Frau, sonst wartet man Jahre. Mit Bestechung, mit Schmiergeld kann man alles haben und alles werden. Und so wurde ich Gewürzimporteur, Sharma & Sons . Ich benutzte meine Kontakte, um an Aufträge zu kommen, langfristige Lieferverträge, feste Abnehmer, Kundenbindung. Auch da muss man Kuverts verteilen, Rabatte gewähren, Respekt erweisen. Aber irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man das nicht mehr kann und nicht mehr will. Und wenn dann noch einer kommt ... Als der Hoofdinspecteur vom Zoll kam, da wollte ich nicht mehr bezahlen. Er bekam kein Geld mehr von mir. Aber ich war bei ihm der Einzige, der es wagte, nicht zu bezahlen. Deswegen gab es die Razzia bei mir. Deswegen ist Amir jetzt tot, und ich musste ihn töten, weil ich ein böser Mensch bin.«
»Wollen Sie damit sagen, dieser Mann vom Zoll wollte, dass Sie ihn auch schmieren?«, fragte Julika.
»Würden Sie mir glauben, wenn ich Ja sage?«
Van Leeuwen sagte: »Von Mevrouw Halawi wissen wir, dass es Ihrer Firma nicht gut geht. Es geht ihr schlecht. Vielleicht sind Sieja tatsächlich ein böser Mensch, aber vor allem sind Sie verwirrt – ein sehr verwirrter Mann, Mijnheer Sharma. Ein sehr verängstigter Mann. Ihre Stimme klingt hohl, Ihre Worte überschlagen sich, Sie stammeln, und ihre Augen sind glasig. Warum lügen Sie die ganze Zeit, Mijnheer Sharma?«
»Mirabal ist es, die lügt, über die Firma und über meinen Sohn«, entgegnete der alte Inder scharf. »Ich werde sie verstoßen, aus meiner Zelle heraus werde ich ihr sagen, dass sie gehen soll und dass ich sie nie mehr wiedersehen will!«
Gallo überholte einen VW-Bus, scherte aus und wieder ein und blieb auf dem Johan van Hasseltweg. Dabei sagte er: »Alle lügen also – Mirabal Halawi, Henk Dekker –«
»Wer ist Henk Dekker?«
»Sie wissen genau, wer Henk Dekker ist«, sagte Julika neben ihm. »So heißt der Hoofdinspecteur vom Zoll, der die Durchsuchung Ihres Firmengeländes geleitet hat«, erklärte Julika. »Sie haben behauptet, Sie hätten ihn vorher noch nie gesehen, aber Sie haben ihn sehr genau beschrieben, und wir glauben, dass zumindest ein Teil von dem, was Sie uns eben erzählt haben, wahr ist, nämlich dass jemand Schmiergeld von Ihnen erpressen wollte, vielleicht sogar Hoofdinspecteur Dekker. «
»Ich kenne seinen Namen nicht«, sagte Sharma. »Den hat er nie genannt.«
Gallo fuhr jetzt langsamer, als er die schrottbefallene Baustelle passierte und bei der Raffinerie in die Vogelstraat bog. Die Bäume schoben sich dicht an die schmale Straße heran. Unter den Ästen war es so dunkel, dass Gallo das Licht einschaltete. Am Ende der Straße lag der Kanal, der zum Yachthafen führte, und es wurde wieder heller.
»Wir sind da«, sagte Gallo.
»Wo sind wir?«, fragte Sharma.
»Da, wo Sie Amir Singh getötet haben«, sagte der Commissaris. »Erinnern Sie sich nicht mehr?«
Der Wagen hielt neben dem Maschendrahtzaun, und auf der anderen Straßenseite verlief hinter dichtem Buschwerk der Kanal,an dessen Ufer das Hausboot lag. Sharma blickte aus dem Fenster, auf die Straße und das Boot. »Es war dunkel«, sagte er. »Nachts sieht alles anders aus.«
Van Leeuwen seufzte. Er stieg aus und sah den asphaltierten Weg hinauf und hinunter. Im sanften Abendlicht wirkte die Gegend fast anheimelnd: die aneinandergereiht daliegenden Hausboote, die halb vertrockneten Sträucher, das stehende Wasser, in dem sich die karminroten Schäfchenwolken am Himmel spiegelten. An den Leinen auf den Decks flatterte Wäsche im frischen Seewind. Ein ramponierter Honda bog langsam vom Nieuwendammerdijk auf den Weg und hielt einige Boote weit entfernt. Eine junge Frau mit einem grün geblümten Kleid schob einen Kinderwagen über den Weg, vorbei an dem Schwein und den Hühnern. Drei weiße Jungen in kurzen Hosen kickten sich einen Fußball zu, und in einem Liegestuhl auf dem nächsten Kahn saß ein alter Mann mit einer Lotsenmütze und genoss die letzte Wärme des Tages. Ein Genrebild, dachte der Commissaris, Abendstimmung am Kanal, gemalt von Carel Fabritius. Oder auch: Uferstraße ohne Pathologe und Staatsanwalt.
»Dann fangen wir eben ohne sie an«, sagte er und öffnete die hintere Tür auf der Fahrerseite, um den alten Inder aussteigen zu lassen. »Geben Sie mir Ihre Hände«, sagte er. Sharma streckte ihm die Arme entgegen, und er holte den Schlüssel aus der Hosentasche und sperrte die Handschellen auf.
»Was machen wir hier?«, fragte
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