Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Und verfuehre uns nicht zum Boesen - Commissaris van Leeuwens zweiter Fall

Und verfuehre uns nicht zum Boesen - Commissaris van Leeuwens zweiter Fall

Titel: Und verfuehre uns nicht zum Boesen - Commissaris van Leeuwens zweiter Fall Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Claus Cornelius Fischer
Vom Netzwerk:
Sharma.
    »Ich will, dass Sie mir zeigen, wie Sie Amir getötet haben. Und wo.«
    »Ich war wie von Sinnen«, sagte Sharma.
    Van Leeuwen führte ihn über den Weg, flankiert von Gallo und Brigadier Tambur. An der Mündung des Kanals stob plötzlich ein Möwenschwarm auf, entfaltete sich wie ein weißer Fächer vor dem breiten Wasser des IJ und den ersten Lichtern der Stadt, zu weit entfernt, als dass man das Kreischen der Vögel hören konnte.
    »War es hier, Mijnheer Sharma?«, fragte der Commissaris und blieb vor der Gangway des Hausboots stehen. Er konnte die Blutspurenauf dem Asphalt nicht mehr erkennen, aber er wusste, dass er an der richtigen Stelle stand; er sah die Flecken in der Erinnerung.
    »Ja«, bestätigte Sharma. »Hier habe ich auf ihn eingestochen. Wie von Sinnen.«
    Der Commissaris ging ein paar Schritte auf die Gangway zu, die vom Kai auf das Boot führte. »Oder war es hier?«
    »Ja, da auch«, bestätigte Sharma. »Erst hier und dann da. Er ist vor mir weggelaufen, und ich bin ihm nachgerannt und habe weiter auf ihn eingestochen. Ich habe immer weiter auf ihn eingestochen, wie von Sinnen.« Er hob die rechte Hand und ließ sie wieder fallen, hob sie noch einmal und stach wieder zu, von oben nach unten durch die Luft.
    »Nehmen Sie meinen Kugelschreiber«, sagte Hoofdinspecteur Gallo und hielt Sharma einen silbernen Metallstift hin. Zögernd griff der Inder nach dem Kugelschreiber, hielt ihn erst mit zwei Fingern und dann mit der ganzen Faust. Nur die Spitze des Stifts ragte hervor.
    »Und dann, wie ging es weiter?«, wollte Van Leeuwen wissen. »Wohin rannte er dann?«
    »Auf das Boot.«
    »Wohin auf dem Boot?«
    »Auf das Deck.«
    »Und Sie sind ihm wieder nachgelaufen?«
    »Ja.«
    »Wohin genau auf Deck? Zeigen Sie es mir.« Der Commissaris betrat die Gangway und ging mit schnellen Schritten an Bord. Ungeduldig winkte er Sharma, ihm zu folgen. »Kommen Sie schon!«
    »Wird der Besitzer nichts dagegen haben?«, fragte Sharma.
    »Er ist nicht da«, sagte Gallo. »Wir haben ihn vorübergehend in einer Pension untergebracht, bis die Ermittlungen abgeschlossen sind.«
    Vorsichtig setzte Sharma einen Fuß auf die Gangway, den Kugelschreiber vorgestreckt wie eine Wünschelrute. Mit der anderen Hand strich er sich mehrmals über das kurze, fast weiße Haar. Ohneseinen Turban schien er zu frösteln. Unter ihm leckte das Wasser des Kanals schmatzend an der Bordwand des Bootes. Er blinzelte wieder, geblendet von der untergehenden Sonne, obwohl sie kaum noch Kraft hatte. »Wohin soll ich gehen?«, fragte er.
    »Dahin, wo Sie weiter auf Amir eingestochen haben«, sagte der Commissaris. »Wie von Sinnen.«
    Sharma rührte sich nicht. Nur sein Blick wanderte schnell über das Deck, von den Topfpflanzen an der Reling zu einem zusammengeklappten Liegestuhl, von dort zu der verschlossenen Tür des Wohnaufbaus und weiter zu der Luke in den Kielraum. Er gab sich einen Ruck und ging zu der Tür des Wohnaufbaus. »Hier«, sagte er. »Er ist vor mir weggelaufen –«
    »Rückwärts oder vorwärts?«, fragte Van Leeuwen.
    »Vorwärts. Er rannte zu der Tür hier und wollte sie aufreißen, aber sie war abgeschlossen, und dann drehte er sich um und wollte woanders hinlaufen, aber ich war schon bei ihm, und dann habe ich weiter auf ihn eingestochen –«
    »Machen Sie es mir vor!«, sagte Van Leeuwen. »Wie haben Sie auf ihn eingestochen? Stellen sie sich vor, der Kugelschreiber wäre das Messer – haben Sie von oben nach unten gestochen oder von unten nach oben? Vertikal oder horizontal? Von links nach rechts oder von rechts nach links?«
    »Beides«, stammelte Sharma, »alles.« Er riss die Hand mit dem Stift hoch und ließ sie niedersausen und riss sie wieder hoch, und dann zuckte sie schräg nach unten, von links nach rechts, und dabei keuchte er, da, da, da ! Im blauen Dunst des Abends stand er und zerteilte die Luft mit seiner Faust, und der Commissaris versuchte sich vorzustellen, wie Sharma in der Nacht vor beinahe einer Woche hier auf Amir Singh eingestochen hatte, in tiefster Dunkelheit, und er wusste, so war es nicht gewesen, aber das Wissen allein nutzte ihm nichts.
    »Wie oft haben sie zugestochen?«, fragte er scharf. »Wie tief? Wo haben Sie ihn verwundet? An den Händen, am Hals? Im Gesicht? Hat er sich gewehrt? Hat er stark geblutet? Hat er geschrien?«
    »Ja! Nein!« Gehetzt blickte Sharma sich um, als suchte jetzt erselbst einen Fluchtweg, über die Gangway, die Bordwand, die Luke in den Decksplanken.

Weitere Kostenlose Bücher