Und verfuehre uns nicht zum Boesen - Commissaris van Leeuwens zweiter Fall
Wände des IJ-Tunnels, als das Licht der untergehenden Sonne von der Tunnelbeleuchtung abgelöst wurde.
»Sie sind kein Mörder, Mijnheer«, sagte der Commissaris. »Sie sind nicht einmal ein besonders schlechter Mensch.«
»Ich habe Amir Singh getötet.«
»Wie?«
»Mit einem Messer. Einem Messer zum Zimtschälen.« »Sie sagten, Sie hätten keins.«
»Ich habe gelogen. Mörder tun das.«
»Das stimmt«, gab Van Leeuwen zu. »Erzählen Sie uns bitte in allen Einzelheiten, wie Sie Mijnheer Singh getötet haben.«
»Ich möchte jetzt nichts mehr sagen. Ich gehe ins Gefängnis.« Sharma nickte selbstzufrieden. »Wie Ghandi.«
Van Leeuwen drehte sich zu Sharma um. »Wissen Sie, wie die Zellen aussehen, Mijnheer Sharma? Wie es da zugeht? Sind Sie wirklich so erpicht darauf, in einem kahlen Arrestblock zu kauern, umgeben von Betrunkenen, die in ihrem Erbrochenen liegen, von keifenden Nutten und blutenden Schlägern? Wollen Sie Stunde um Stunde das Lallen, Stöhnen und Grölen aus den anderen Zellen hören? Und dann der Gestank der feuchten Matratzen, nach Urin und Kot und ausgekotztem Bier und der ganzen Qual, dem ausgedünsteten Leid, das sich Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr über die Zelle gelegt hat und das nicht einmal die schärfsten Scheuermittel abwaschen konnten ...! Es gibt keinen Ventilator in diesen Zellen, keine frische Luft, keine Dusche, keine Hoffnung ...«
Sharma wandte seinen Blick von den vorbeifliegenden Tunnelwändenund sah Van Leeuwen an. Er lächelte. »Er ward verschmäht und verachtet, ein Mann der Schmerzen und gewohnt an Gram«, sagte er.
»Ghandi?«, fragte der Commissaris.
»Händel. Der Messias .«
» Ich steh mit einem Fuß im Grabe «, zitierte der Commissaris seinerseits. »Kantate. Bach-Werke-Verzeichnis 156.«
Noch immer lächelnd sagte Sharma: »Ich nehme an, Sie haben mir Ihren Arrestblock in so malerischen Farben geschildert, um mich abzuschrecken oder einzuschüchtern, ja? Aber Sie vergessen, wo ich herkomme. Was Sie da beschreiben, ist Mumbai. Sie beschreiben Kalkutta. Sie beschreiben meine Heimat.« Er öffnete die Fäuste in seinem Schoß, formte die Hände in den Handschellen zu Schalen. »Wir Inder haben ein Wort – maya . Das Wort bedeutet ›Illusion‹, und es bezeichnet die Welt. Die ganze Welt ist eine Illusion. Unser Leben ist eine Illusion. Wie das Kino. Es gibt keine Wirklichkeit, keine, die wir wahrnehmen könnten. Oder beeinflussen. Die Dinge nehmen ihren Lauf, egal, was wir tun, und wenn man das begriffen hat, lebt man in Frieden mit sich, weil man nicht mehr versucht, etwas zu ändern. Deswegen gibt es diese entsetzliche Armut in meiner Heimat, das ganze Elend, den Dreck – so weit ist Indien mit maya gekommen.«
Es war nur eine kurze Fahrt durch den Tunnel. Als der Wagen in die Ausfahrt nach Noord bog, hörte Sharma auf zu lächeln. »Ihre Fragen, Ihre sogenannte Wahrheit, die Antworten, die Sie suchen, sind nichts anderes als unser maya . Aber meine Frau Vharma war keine Illusion. Und Mirabal war auch keine Illusion – ich wollte sie nämlich haben. Meine Söhne sind keine Illusion – ich habe sie gezeugt. Der Palast der 1000 Gewürze ist keine Illusion – ich habe ihn aufgebaut. Die Tausende und Abertausende von Euro, Dollar und Pfund, die ich überall auf der Welt vorschießen muss, damit ich beliefert werde, sind ebenso wenig eine Illusion, denn ich musste sie erst verdienen. Wäre ich ein Anhänger von maya , würde mir nichts davon gehören, weil ich nämlich in meiner Heimat ein armer Mann war, Sohn armer Eltern und Bruder armer Geschwister. Aberich wollte kein Vater armer Kinder werden, deswegen musste ich weggehen, weg von Delhi, nach Europa, nach Holland, nach Amsterdam, mit Vharma, meiner Frau. Aber auch hier ist mir nichts in den Schoß gefallen, niemand hat mir etwas geschenkt. Ich habe ganz unten angefangen. Ich war Wächter in einem Parkhaus. Ich war Rosenverkäufer in Restaurants, wie Amir. Ich war Koch. Ich habe meine Frau gehabt, Vharma, die mir Kinder geschenkt und sie großgezogen hat. Und ich hatte eine Freundin, die mir beim Geldverdienen half – eine Afrikanerin, keine Niederländerin. Ich fand auch Freunde. Einen davon habe ich jeden Abend auf meiner Rosentour mitgenommen. Ich habe ihm gezeigt, wie man ein Parkhaus bewacht. Ich habe ihn mit meiner Freundin schlafen lassen. Später habe ich ihn an meiner Stelle auf meine Rosentour gehen lassen und allein zu meiner Freundin und zu meiner
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