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Unter dem Zwillingsstern

Titel: Unter dem Zwillingsstern Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tanja Kinkel
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u r daß es um zwei Frauen ge h t. Der Erzählerin schneit dieses bezaubern d e junge Mä d chen ins Haus, Car m illa, und sie werden die engsten Freundinnen, n ur daß ihr C ar m illas Küsse, U m a r m u ngen und gelegentliche m elancholische Stimmungen m a nch m al unhei m lich sind und sie von einer Katze träumt, die ihr das Blut aussaugt. Dann stellt sich heraus, daß Car m illa m it der Gräfin Mircalla von Karnstein identisch ist, schon seit Jahrhunderten tot, versteht sich, der Vater der Heldin b r in g t sie um Car m illa, nic h t die Er z ähl e rin -, ab e r d as Ende ist zwiesp ä ltig. Doch in vielen Nächten schien mir, daß ich auf Carmillas leic ht e Schritte l a uschte.«
    »Keine Frage«, sagte Robert, »die haben dich als das Opfer ausersehen.«
    Sie blies ihm etwas von d e m Pud e r ins Gesicht, den sie gerade in den Händen hielt. Aber dann erschien ihr auf ei n m al sein Scherz gar nicht so unwahrscheinlich. Schließlich hatte Kohner sie als Desdemona gesehen. Bitte n i cht Laura, dachte sie. Nicht noch je m and, der sich bereitwillig u m bringen läßt.
    Am nächsten Morgen fand sie sich in dem Teil der riesi g en Babelsberger S tudios, der Universal zur Verfügung gestellt worden war, ein, in ihrem grünen Kleid und m it d e m passenden Hut dazu, den sie sich nach i h rer ersten erfolgrei c hen Reinhardt- S aison gekauft hatte. In dem kleinen Atelier, zu dem m an sie fahren ließ, wartete der Ka m e r a m ann T i m Be r ger auf s i e, des s en Na m en i hr Agent ihr genannt hatte. Gustaf Gründgens, der genauso kurzsichtig war wie sie, hatte ihr ein paar Tips gegeben, wie m an sich vor der K a m era orientieren konnte, aber während sie m it Ber g er Begrüßungsfloskeln austauschte, entdeckte sie, daß ihr Gehirn ein einziges sc hw arzes Loch war.
    »Schön, Kindchen«, sagte Berger b e ruhigend, »was wollen Sie spiele n ? «
    Sie hatte angenommen, daß m an i h r eine Seite aus dem Drehbuch zu lesen geben würde, doch das war offensichtlich ein Fehlschluß. Eine Desdemona-Szene hatte keinen Sinn, denn bis auf das W eidenlied brauchte sie dann je m anden, der ihr die entsprechenden Antworten gab; au ß erdem wollte sie bew e i s en, daß sie die Richtige f ür Car m illa war, n i cht für La u ra. Also na h m sie Sal o m es Schlußmonolog, den sie immer noch auswendig konnte; Salo m e, die ebenfalls tötete, was sie liebte, k a m ohn e hin viel näher an Car m i l la heran, und außerdem brauchte sie dazu k eine M its p ieler.
    »Salo m e«, a ntwortete Carla.
    Berger grinste. » W er nicht ? « sagte er und wies die Maskenbildnerin an, s ie z u rechtzu m achen.
    »Und denken Sie daran, auf keinen Fall in das Licht schauen, sonst haben Sie am nächsten Tag z ugeschwollene Augen«, mahnte die Maskenbildnerin, bev o r sie Carla entließ.
    Salo m e, sagte Carla leise vor sich hin, wie ein Mantra, um an nichts anderes m ehr zu denken und um das L a mpenfieber zu beschwichtigen, S alo m e, Salo m e, Salo m e, Prinzessin von Judäa.
    »Ach! Du wolltest mich deinen M u nd nicht kü s sen las s en, Jochanaan. Jetzt werde ich ihn küssen. Ich werde mit meinen Zähnen hineinbeißen, wie man in eine reife F rucht beißt. Ja, ich werde deinen Mund küssen, Jochanaan…«
    Fast erwartete sie, daß Tim Berger wie e i nst das Prüfungsko m itee fragen würde, ob sie Tilla Durieux in der Rolle gesehen habe, als sie endete, doch er m einte nur sachli c h: »Und jetzt noch m al, falls der Druck nichts wird.«
    Gott sei gedankt für Max Reinhar d t und seine Vorliebe, Schauspieler gute Stellen auch dann wiederholen zu lassen, wenn er m it ihnen zufrieden war; das schützte sie jet z t etwas vor der Furcht, versagt zu haben. Beim zweiten Mal ließ Carla sich m ehr Zeit m it den einzelnen Sätzen und versuchte, etwas träger zu agieren, als vergifte sich Salo m e an ihren W orten langsam selbst.
    »Ich war eine Prinzessin, du hast mich verschmäht. Ich w ar eine Jungfrau, du hast mich geschändet. Ich war keusch, du hast mir Feuer in die Adern gegossen… Ach! Warum hast du mich nicht angesehen, Jochanaan? Hättest du mich angesehen, du hättest mich geliebt. Ich weiß, du hättest mich geliebt, und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes. Man soll nur die Liebe sehen.«
    »Fein, das war’s«, sagte Berger z u frieden, als sie auf den Boden sank, und stürzte Carla in tiefe Beklemmung, d e nn ihr Monolog war noch nicht zu Ende, und daran m uß t e er sich doch gewiß noch erinnern. Sie

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