Unter dem Zwillingsstern
erzählte er, sei eine m oderne Version des Jeanne-d’Arc-Stoffes und hieße Die heilige Johanna der Schlachthöfe. S c hlie ß li c h stießen sie alle auf jeden der Zukunftspläne an, die Robert m it seiner m ächtigen Stim m e noch ein m al au f zählte, als d ekla m iere er im m er noch Shakespeare: Rundfunk und Zufall für ihn, Peter W er m ut und Brigitte, F i l m ruhm für Carla, H ugo und Hel m ut, der in einer UFA-Produktion untergeko mm en war, Brecht und Goethe für Gründgens, Engage m en t s am Schillertheater für Nina und Mathilde.
»Auf die Sa i son 32/33«, sagte Hugo und schwankte bereits ein wenig, während er jedem noch ein m al nachschenkte, » m öge sie die beste von allen werden!«
Mit dem April begannen die Dreharbeiten zu Carmilla. Für Carla hatten sie all die unangeneh m en A s pekte einer Reinkarnation; sie fühlte sich wie ein Säugling, der erneut lernen m ußte zu krabbeln, vom Laufen ganz zu schweigen. Genevieve z w ang sie, ihre Mi m i k völlig u m zustellen. » W eniger, weni g er«, wurde zu der Regieanweisung, die sie a m häufigsten hörte, und als Genevieve ihr ihre Salowe- Aufnah m en zei g te, be g riff sie a u ch, weswegen. Die Kamera griff jede kleine Muskelbewegung auf u n d vergrößerte sie bis ins unendliche; was im Theater n o twendig war, da m it auch die Zuscha u er in den hinteren Reihen erkannten, welche Gefühle den Charakter bewegten, wirkte, auf das Zelluloid gebannt, grotesk. Carla fand, daß sie wie ein Clown im Zirkus aussah, und fragte sich entsetzt, wieso m a n sie überhaupt ei n gest e llt h att e .
Noch schwieriger war es, sich zu konzentrieren, ohne je m als eine einzi g e Szene durchspielen zu kö n nen. Im m er nur fünf oder sechs Sätze, dann wurden die Ka m erapositio n en o der die Sc h einwer f er verändert. Die e m otionale Reise, die eine Theateraufführung für Carla d a rst e llte, wurde dur c h Frag m en t e ers e tzt, die irgendwie ein Mosaik ergeben sollten. Und gelang es ihr ein m al, einem solchen Fragment ihr Alles zu geben, dann s timmte etwas mit d e m Hi ntergrund nicht oder der Reaktion ihrer Mitsp i eler; irgend etwas m achte im m er eine W i ederholung nötig. Daß es während des Drehens im m er noch zu Drehbuchänderungen k a m , brachte sie um eine ihrer sonstigen großen Stärken, ihre sichere Textbeherrschung.
Die m eisten Szenen hatte sie m it Dolores Mann h ei m , der Laura des Fil m s. W enn Carla Dolores nicht schon im Vorfeld kennengelernt hätte, wäre ihr völlig entgangen, daß die zarte B r ünette ein Verhältnis m it der Regisseurin hatte, d e nn Genevieve behandelte sie beide gleicher m aßen barsch.
»Hör zu, Kid, Car m illa ist k ein Vamp, sondern ein Va m pir. W enn ich einen Va m p gewollt hätte, dann hätte ich P ola Negri e ngagie r t, d ie i st d arin se h r v i e l besser als du. Also hör m it dei n en Allüren auf und denk daran, Car m illa wird von allen für ein unschuldi ge s junges Mädchen gehalten, und wenn sie sich nicht so benim m t, glaubt das Publiku m , wir wollen es für dumm verkaufen.«
»Aber«, begehrte Carla auf, »sie m u ß doch gelegentlich ihr wahres Alter und ihre Lei d enschaft zeigen…«
»In kleinen Ausbrüchen, sonst s c hockiert es nie m anden. Apropos, Dolores, hör auf, jedes m al z u rückz u zucken, we n n Carla n ä h errüc k t. Du vertrau s t ihr. Sie tut dir l e id. Der böse Verdacht kom m t dir erst später, und auch dann möchte ich e t was Subtileres als Mary Pickford auf der Flucht vor Erich von Strohei m !«
John Summers, der in der englisc h en Fassung den Verlobten spielte, den das Drehbuch für Laura dazuerfunden hatte, da m it der Film in A m erika nicht in Zensurschwierigkeiten ka m , und i m Gegensatz zu einigen der deutschen Mitarbeit e r m it der Anspielung et w as anfangen konnte, kicherte, was ihn zu G e nevieves nächster Zielscheibe m achte.
»Das einzige, was ich hier ko m i s ch finde, sind deine Gri m assen, m ein Junge. Unsere Miss Großäugig hier hat wenigstens die Entschuldigung, daß es ihr erster Film ist, aber warum du dich wie ein Kalb vor dem Schlachter benim m st…«
Die drei Sprachen, in denen der Film gedreht wurde, ma c hten es nötig, daß jeder, der an allen drei Fassungen m itwirkte, de f acto Tag und Nacht durcharbeitete. Paul K o hner hatte angeboten, zu m i ndest für die französische Fassung einen anderen Regisseur zu engagieren, weil Genevieve kein W o rt Französisch sprach, und war auf ihre strikte
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