Unter dem Zwillingsstern
Leib auffressen.« Sie wiederholte die Phrase, die sie v o rhin bei Genevieve gehört hatte.
»No offense. W i r sind eben alle verschieden.«
Die dunkelhaarige Lupita, die sie etwas an Eleonore erinnerte, doch im Gegensatz zu E l eonore Glück und Zufriedenheit ausstrahlte, lächelte und sagte etwas auf spani s ch. Kohner übersetzte: »Vielleicht haben Sie einfach nur noch nicht den Richtigen gefunden.«
»Nein, aber das Richtige«, sagte C arla. »Das, was ich i mm er tun wollte.«
»Das ist die richtige Einstellung«, kommentierte Genevieve. »Denk daran, wenn wir m orgen deinen Tod noch ein m al drehen. Mir ist da nä m lich noch eine Idee gekommen…«
Sich eine G i ps m aske abneh m en zu lassen, entschied Carla, war nicht eben der beste Einfall, den sie je gehabt hatte. Im m erhin ersparte es ihr weitere Tage im Sarg, aber das Gefühl der schweren, feuchten Masse ü berall auf i h rem Gesicht, der zwei P apier h al m e in ihrer Nase d as einzi g e, was sie vor d em Ersticken rett e te -, v e rursac h te ihr ständig an- und abschwellende Übelkeit. Sie m ußte sich zurückhalten, um nicht zu würgen. Mit zusam m eng e bissenen Zähnen und geschlossenen Augen lag sie auf einer Couch und wartete darauf, daß die Masse endlich fest genug wurde, um entfernt zu werden.
»Machen S e sich m an keene Sorjen, Frollei n «, sagte der Fach m ann, den m an irgendwo aufgetrieben hatte, »ick vasteh det Jeschäft.«
Plötzlich fragte sie sich, was geschehen würde, wenn m an die Maske nicht m ehr ablösen konnte. S i e erinnerte sich an Robert als Phantom der Oper. E ins von den Nonsens-Gedichten for m te sich in ihr, m it denen John Summers ihr bei ihrem Englisch half, ein Li m erick. There was a young actress, my friend/ who held her fate in her hand/ first she played a vampire/ then she got new attire/ so the Phantom she played in the end. Sie war sich nicht sicher, ob das Englisch stim m t e, und so verbrachte sie die endlose Viertelstunde, die der Gips brauchte, um zu trocknen, da m it, an ihrem L i m erick heru m zubasteln und sich so von der Vorstellung des Erstickens oder der lebenslangen Verunstaltung abzulen k en. Trotzdem dachte sie einen Mo m ent, ihre Haut wür d e sich m it d er Maske l ö sen, als m an sie ihr endlich abnah m , und sie unterdrückte gerade noch einen Aufschrei.
Auf ihr eigenes weißes Gesicht zu starren war seltsa m . Es schien nicht zu ihr zu gehören. Die Sti r n war höher und der Mund breiter als das, was sie im Spiegel sah. So werde ich aussehen, wenn ich tot bin, dachte Carla, aber zum Glück k a m die Maskenbildnerin und nahm das Ding in Besitz, um e i n Negativ zu gießen und m it einer Perücke zu einem glaubwürdigen Kopf zu gestalten, und Genevieves Assistent h o lte s i e zu der näc h sten Szene.
Durch ihr v ölli g es Ver s inken in die W elt des F il m s verpa ß te s ie sowohl die erbitterten Proteste gegen die Gefängnisstrafe, die der Herausgeber der Weltbühne, Carl von Ossietzky, wegen des »Verrats m ilitäri s cher Gehei m nisse« in ein e m Artikel s einer Z e its c hri f t üb e r die hei m liche W i ederaufrüstung der R e ichswehr antreten m u ßte, als auch den Skandal, der R obert endgültig in ganz Deutschland berüh m t m achen sollte. Ausgelö s t wurde er d urch ein Hörspi e l, ei n e Dra m atisierung von Lion Feuchtwangers Ro m an Erfolg, und verdankte sein Zustandekommen einer Verkettung von Zufällen.
Der Sender hatte die Erlaubnis für die Dra m atisierung eines Feuchtwanger-Ro m ans gegeben, doch dabei dachte m an an Jud Süß oder die Häßliche Herzogin; Robert, dem anf a ngs durchaus Ähnliches vorsc hw ebte, nutzte seine alte Bekanntschaft m it Feuchtwanger aus und erhielt von diesem statt ein e s der historischen Ro m ane sein Buch über »Drei Jahre Geschichte einer P rovinz«, Bayern 19201923. Peter We r m ut und Astrid W ill, vor die Aufgabe gestellt, einen sehr u m fangreichen Ro m an m it vielen parallel laufenden Handlungen und noch m ehr Figuren auf ein Hörspiel f or m at herunterzukürzen, verzweifelten zuerst. Doch die Altern a tive, eine Hörspi e lver s ion des Courts-Mahler-Ro m ans Die blonde Gräfin, ließ s i e erbleichen und zurück an Feucht w angers Roman über einen Justizskandal und den Ka m pf um Gerechtigk e it e ile n . An dieser Stelle p ac k te Pet e r We r m ut ein Anfall von Tollkühnheit.
Einer von Feuchtwangers Handlung s fäden beschäftigte sich m it dem Aufstieg einer o m inösen Par t ei, den » W
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