Unter dem Zwillingsstern
hatte sich all die Monate nicht ge m elde t , und sie würde lieber sterben, als Philipp den Eindruck zu ver m itteln, s i e lie f e ihm hinter h er. Überdies war sie sich nicht sicher, ob sie diese Befreiung nicht begrüßen sollte. Doch in dem Mo m e nt, als sie den Chauffeur erblic k te, wußte sie, daß sie so etwas erwartet hatte. Ein Teil von ihr e m pfand etwas, das gefährlich echter F r eude ähnelte. E i n anderer war schlicht und einfach ärgerlich. Sie ent s c h ied sich für den Ärger.
» W oher wußten Sie, daß ich m it diesem Zug ankom m e? Daß ich überhaupt nach München fahre ? «
Der Chauffeur sc h aute betreten z u r Seite. »All m ächtiger«, sagte Carla. Ihr Ärger wandelte sich in ei s i gen Zorn. » Läßt er m i ch überwache n ?«
»Nein«, entgegnete der Chauffeur hastig, »net so direkt. W ir m ußten schon Ihren Agenten anrufen, und dann die Fil m leut. Es ist nur, Fräulein Fehr, da is was passiert letzte Nacht, und der Ferdl und ich, also wir haben Anweisung… bitte, kom m en S’ einfach m i t, ich erklär’s Ihnen auf d e m W e g.«
Wenn das ein Trick ist, dachte Carla, dann überlege ich m i r Roberts Idee m it dem Belei d igen a ller auftreibbaren Nazigrößen noch ein m al. Gleichzeitig erinnerte sie sich an Marianne, und ihr wurde kalt. Der Chauffeur trug ihren g r oßen Koffer zu Philipps B M W , und erst als sie tatsächlich eingestiegen und er losgefahren war, erzählte er ihr, Herr Bach m aier sei letzte N a cht in eine Schlägerei geraten und ernsthaft v erletzt worde n .
Das klang nicht nach Philipp. » W as für eine Schlägerei ? «
»Kommunisten«, erklärte der C h au f f eur voller Überzeugung. »Die roten Hunde haben Herrn Bach m a ier aufgelauert. W o er doch den Führer unterstützt, das w i ssen die halt.«
Irgendwie h örte sich das alles s ehr unwahrscheinlich an. Außerdem fiel ihr auf, daß sie s ich nicht auf dem W eg zum K r ankenhaus befanden. Sie kannte den W e g, den das Auto nah m , nur zu gut. » W ir fahren nach Bogenhausen«, sagte sie tonlos. »Ja, gewiß«, meinte der Chauffeur verwundert. »Hab ich des net erwähnt? Der Herr Bach m aier will net, daß so a Gschicht in die Zeitun g en kom m t, weil die Roten des dann verdrehen und a Propaganda dru m rum m a c hen. Und daher…«
Ihr Z o rn k e hrte ver s tärkt z u rück. »Daher hat er gedacht, daß er m i ch i m Notfall als K r ankensch w ester beschäftigen könnte? Das«, schloß sie beißend, ehe sie sich z u rückhalten konnte, »beweist nicht eben Vertrauen in die D i skretion seiner Angestellten.«
Gleich darauf sch ä m t e sie si c h. Nichts davon war die Schuld des Chauffeurs; sie würde nie vergessen, wie Käthe sie ein m al nach den F a m ilienna m en und d e r Erschein u ng des Personals der B ogenhausener Villa g ef r agt h a tte, um ihr zu de m onstrieren, daß sie die m eisten nur in ihrer Funktion wahrnah m , w i e Maschinen, nicht als Individuen.
»Das«, verkündete Käthes Stim m e in ihrer Erinnerung, »ist eines der Hauptübel des Kapitalis m us.« Der Chauffeur hatte nicht verdient, daß sie ihren Ingrimm an ihm ausließ.
»Entschuldigen Sie bitte«, fügte Carla verlegen hinzu. Der Chauffeur schaute unbeirrt geradeaus; sie konnte jedoch erkennen, wie die Röte, die in seinen breiten Nacken gestiegen war, verblaßte.
»Er hat Sie halt sehen wollen«, sagte er.
Philipp m ußte einen neuen Anstrich für das Haus angeordnet haben. Hell, dreigeteilt, m it dem halbrunden Vorbau in der Mitte, wäre es von niemandem als Drehort für eine Spukgeschichte gewählt worden. Trotz d em erinnerte es Carla an den Sarg, in dem sie einen Tag lang gelegen hatte. S i e hatte geschworen, nie m ehr hierherzuko mm en, doch das Haus m achte sich üb e r sie l u stig u nd teilte i h r m it, daß sie im m er wieder zurüc k kehren wür d e.
»Nein«, sagte Carla scharf. Der C h auffeur, der Anstalten m achte, ihr Gepäck aus dem Kofferraum zu holen, hielt inne. »Nein«, wiederholte Carla, »lassen S i e es, wo es ist. Ich bes u che Herrn B ach m aier, und dann gehe ich wieder.«
Das war ohnehin m ehr, als er verdiente. Er hatte Marianne alleine sterben las s en, und nun wollte er Gesellsc h aft, nur weil er sich ein paar blaue F lecken ein g ehandelt h a tte? Sie lief die Treppen hoch und versuchte, die Erinnerungen zu ignorieren, die auf sie einstür m ten. Im ersten Stock fiel ihr ein, daß sie nicht wußte, in welchem Z i m m er sich Philipp befand, also wartete sie auf den
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