Unter dem Zwillingsstern
Majordo m us, den der Chauffeur »Ferdl« genannt hatte u n d der ihr hinterherkeuchte. Sie konnte sich nicht erinnern, daß er zu Lebzeiten ihres Vaters auch schon hier ge wesen war; Philipp m ußte ihn neu eingestellt h a b en.
»Bittschön, Fräulein«, sagte der Majo r do m us und führte sie in eins der früheren Gästezimmer, was sie von ihrer F urcht erlö s t e, Philipp könne sich in den Räumen ihres Vaters einquartiert haben. S ie war darauf gefaßt, ihn m it einem bandagierten Handgelenk und ein paar Abschürfungen hinter seinem Sch r eibtisch vorzufinden oder lesend auf einer Couch, und daher traf sie der Anblick, der s i ch ihr bot, völlig unerwartet. Als der Bedienstete die Tür öffnete, konnte m an sofort sehen, daß sie in Philipps Sch l afzim m er füh r te; er lag t a tsächlich im Bett und sah aus, als hätte ihn einer der Maskenbildner vom Theater als Leprakranken zurechtge m acht. Durch die offensichtlich von Laien angelegten Verbände um A r me und Oberkörper drang an m ehreren Stellen Blut, und das Gesic h t war eine einzige Ansam m lung von braunen und blauen Schwellungen.
Zu m indest das m it der Schlägerei s tim m te. Aber warum sollte es ihr etwas aus m achen, ihn so zu s e hen? S ie hatte oft genug von etwas Ähnlichem geträu m t.
»Er m uß in ein Krankenhaus«, sagte sie ungehalten zu dem Diener. Aus Philipps Bett drang eine Stimme, die heiser »Nein!« hervorstieß. Bisher hatte er durch nichts zu erkennen gegeben, daß er ihren Eint r itt be m erkt h a tte. S ie ging zu ih m . Durch die zugesc hw ollenen Lider waren die schwarzen Augen, die sich auf sie hefteten, kaum erkennbar, doch er war eindeutig bei Bewußtsein.
»Aber das ist doch Unsinn. Du m ußt versorgt werden.«
Sie fügte nicht hinzu, daß sie die Begründung, die ihr der Chauffeur geliefert hatte, n i c h t glau bt e. Wenn wirklich Kommunisten einen wohlhabenden Industriellen m it Verbindungen zur NSDAP zusam m enges c hlagen hatten, dann waren die einzigen, die unter der darauf folgenden Propaganda lei d en konnten, die Kom m unisten. Philipp m ußte einen anderen Grund haben, die ganze Sache vertuschen zu wollen, doch jetzt war nicht der Z eitpunkt, ihn herauszufinden.
»Kein Krankenhaus«, wiederh o lte P hilipp. »Keine Öffentlichkeit.« Carla wandte sich an den Majordomus. »Hat Herr Bach m aier einen Hausarzt?«
Der Mann schüttelte den Kopf und erwiderte, Herr Bach m aier werde nie krank. In einem G e m i sch aus Zorn, Ohn m acht und Beunruhigung sagte sie: »Nun, ich habe ganz bestim m t keine m ed i zinische Ausbildung, und ich bin nicht… ich bleibe nicht hier!«
Sie ließ sich den W eg z u m nächsten Telefon w e isen und erfuhr so, daß sich m ittl e rweile z w ei Apparate im Haus befanden. Dann wählte sie die Num m er von Dr. Gold m anns Praxis. Er war sehr überrascht, von ihr zu hören, und noch überrascht e r, als sie ihm die näheren U m stände erläuterte, doch taktvoll genug, um nicht zu fragen, weswegen sie auf einmal ihren Schwager besuchte, m it d e m sie, wie er von Käthe wußte, n i chts v erba n d.
»Also gut, ich kom m e i n einer halben Stunde«, sagte er. Während Carla auf i h n wartete, b egrüßte s ie eines der Dienst m ädchen, das sie noch von früher kannte, und bot an, ihr eine kühle Li m onade zu bringen, was sie dankbar akzeptierte. Es war ein heißer So mm ertag. Philipp m ußte dort oben, direkt unter dem Dach, fast ersticken. Zu m i ndest konnte sie die Fenster öffnen und für etwas Durchzug sorgen, ehe Dr. Gold m ann eintraf und sie erlöste. Als sie wieder Philipps Zimmer betrat, di es m al allei n e, sagte er nichts. »Es ist viel zu heiß hier. Ich m ache nur die Fenster auf.«
»Rührend«, entgegnete er, und trotz der m ühsa m en Sprechweise trieb der kühle, überlegene Tonf a ll, den er ihr gegenüber anschlug, sie wie üblich in die D efensive. » W irst du auch die Tür schließen, wenn du hinausgehst ? «
Es war ein Fehler gewesen, über h aupt hierherzukom m en, e in gewaltiger Fehler. Sie k n allte die T ü r hinter sich zu und hörte Philipp heiser lachen, während der Major d omus auf d e m Gang indigniert die Augenbrauen hochzog.
Dr. Gold m anns Ankunft löste eine neue W elle von Besorgnis in ihr aus. Sie nahm sich vor, ihn, ehe er ging, an die ärz t liche Schweigepflicht zu erinnern; dann konnte sie immer noch ihre offizielle Ankunft für K a thi inszenieren.
»Sie haben abgenom m e n, Carla«, s a gte e r in s einer f reun d lich e n
Weitere Kostenlose Bücher