Unter dem Zwillingsstern
einen Hustenanfall und einen weiteren Griff nach dem Wasserglas auslöste.
»Ja, ich dachte m i r, daß dir so etwas gefällt.«
Der Tag verging in einer bizarren, u nwirklichen At m osphä r e; außerhalb von Philipps Zimmer k a m sich Carla wie ein Geist vor, wenn sie d u rch da s Haus streifte; wessen Geist, d as w ußte s i e n i c ht m ehr. Sie fragte sich, ob sich die bei d en P uppen noch irgendwo befanden; als sie nach dem Tod ihres Vaters wieder hierher zurückgekehrt war, um die Ferien m it Marianne und P hilipp zu verbringen, waren si e verschwunden, ob nun von Marianne, von einem der Dienst m ädchen oder von ihrem Vater ent d eckt und weggeräu m t, das entzog sich ihrer Kennt n i s . In Philipps Arbeit s zim m er entdeckte sie t a ts äc hlich e in kleines Hitlerporträt und widerst a nd der Versuchung nicht, es abzuneh m en und in der nächsten Schub l ade zu verstecken. Etwas in diesem Haus m acht m i ch unweigerlich zu einem Kind, dachte sie; der leere Haken forderte sie heraus, noch weiter zu gehen, und sie holte Genevieves Abschiedsgeschenk aus seiner Schachtel. Nun hing die Maske dort, und sie hoffte nur, daß P h ilipp s ie erst endec k te, wenn er Besuch hatte.
Im m erhin fühlte s ie si ch erwach s en, wenn sie m it ihm sprach. Nicht unbedingt glücklich, aber e r wachsen. Um nicht den Eindruck zu erwecken, es sei ihm tatsächlich gelungen, sie zu seiner Krankenschwester u m zufunktionieren, m achte sie ihre Turnübungen zum üblichen Zeitpunkt, als sei er nicht im Raum, und hielt es ebenso m i t den Stim m ü bungen. Renate Beuren hatte ihr empfohlen, sich regel m äßig an Kleist und Lessing zu v e rsuchen. »Beider Dra m en gehören zu dem Schönsten, was die deutsche S p rache zu bieten hat, aber es ist ungeheuer schwer, sie fließend zu dekla m ieren.«
Sie wußte, daß ihr Vater beider Werke in Ge s a m t ausgaben in der Bibliothek stehen hatte, und fand ohne große Mühe das, was sie suchte.
»Lesestoff?« erkundigte sich Phil i pp ironisch, als sie, m it dem Buch bewaffnet, hereinka m . »Oder beabsichtigst du, m i r vorzulesen? Das ist wirklich zu gütig von…«
» W eder noch«, unterbrach Carla ihn. »Es ist Arbeit, und da ich nun ein m al hier sein m uß, kannst du m i r auch dabei helfen.«
Sie setzte si ch an sei n e Bettkante, w eil sie den Text nicht auswendig konnte und nur ein Exe m plar vo r handen war. »Du liest S aladin«, sagte sie und lächelte ihr unschuldigstes Läc h el n . »Der hat in dieser Szene nicht viel zu sagen.«
Man konnte Philipp nicht m angelhafter Literaturkenntnisse beschuldigen; er begriff sofor t , welche Szene sie m einte.
»Carla, wenn das ein Bekehrungsversuch sein soll, dann vergißt du, daß ich dieses Rührstück schon ken n e. Lessings Ausrutscher. Es hat genauso wenig etwas mit dem wirklichen Judentum zu tun, wie die G e m älde von Michelangelo und Raffael Juden darstellen, wenn sie alttesta m entarisc h e Sze n en abbil d en . «
»Es ist kein Bekehrungsversuch«, e r widerte sie und weigerte sich, sich aus der Ruhe bringen zu lassen. »Bekehren kann m an nur, wo eine Überzeugung vorhanden ist, und ich glaube immer noch nicht, daß du von diesem Unsinn wirklich überzeugt bist. Aber selbst wenn, es i s t eine Übung für m i ch, also lies einfach den Text.« Zu ihrer hei m lichen Überraschung tat er es, monoton, aber er tat es, und sie schulte ihre Zunge an Nathan dem W eisen und seiner Ringparabel. Danach war er m üde und schlief; ruhend und bandagiert strahlte er statt seiner gewohnten Souveränität eine eigenartige Hilflosigkeit aus. Plötzlich fragte s i e s i ch, w i e Philipp wohl als Kind gewesen war. Sie konnte sich nur vage an seine Geschwister und an seine Mutter erinnern. Etwas arrogant waren s i e alle gewesen, zu m al ihr gegenüber, aber nie m and so sehr wie Philipp. Sein Bruder hatte sogar zu den schulterklopfenden, sich auf die Knie schlagenden, jovialen Typen gehört, die jeder m ann auß e r Carla und ihren Vater behandelten, als be g egneten s i e nur ältesten Freunden. Nein, an der Fa m ilie lag es wohl nic h t; andererseits, was wußte s i e s chon von F a m ilien? Als sie leise die Tür öffnete, streckte er eine Hand aus, als s ei er aufgewacht und wolle sie zurückhalten, a b er als sie erstaunt innehielt, stellte sich heraus, daß es eine Bewegung i m Traum gewesen sein mußte. Er schlief weiter.
Ihr eigener Schlaf ver w eigerte sich zunächst beharrlich. Dabei hatte s i e in d e n l e tzten W o chen
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