Unter Haien - Neuhaus, N: Unter Haien
dass ich neben dir stand, als auf dich geschossen wurde«, entgegnete Alex scharf, »und zwar ohne schusssichere Weste. Dieser Kerl war es nicht. Aber wer war es dann?«
»Ich weiß es«, entgegnete Sergio, »aber das spielt keine Rolle. Es war nicht persönlich gemeint.«
»Es war nicht persönlich gemeint?« Alex lachte ungläubig. »Ich glaube, ich würde es ziemlich persönlich nehmen, wenn jemand versuchen würde, mich zu erschießen!«
»Ich bin jemandem auf die Füße getreten«, Sergio trank einen Schluck Whisky, der die Schmerzen in seiner Schulter wenigstens etwas betäubte, »das war seine Antwort.«
Alex starrte Sergio an. Er war ihr fremder als je zuvor und die Anwesenheit der vielen bewaffneten Männer verursachteihr dasselbe unbehagliche Gefühl wie in dem Lagerhaus in Brooklyn.
»Komm, setz dich zu mir!«, forderte Sergio sie auf. Alex zögerte, dann kam sie seiner Bitte nach, aber sie setzte sich auf die andere Seite des Sofas.
»Weshalb wolltest du mich sehen?«, fragte sie steif. »Ich habe alles stehen und liegen gelassen, weil dein Sohn sagte, es sei dringend.«
»Ich habe über unser Gespräch nachgedacht«, sagte Sergio. »Du hast gesagt, dass du unsere Beziehung beenden möchtest.«
Alex schwieg und wartete darauf, dass er weitersprach.
»Ich verstehe, dass du wütend auf mich bist«, fuhr er ungewöhnlich einsichtig fort, »ich habe Fehler gemacht. Aber ich will dich nicht verlieren, und deshalb möchte ich dir etwas vorschlagen.«
Alex wollte seinen Vorschlag nicht hören. Sie wollte ihn nicht mehr sehen. Doch bevor sie aufstehen konnte, beugte er sich vor und ergriff ihre Hand.
»Du musst mir jetzt nicht gleich eine Antwort geben. Lass dir Zeit, denk darüber nach.« Er lächelte nicht und seine Augen waren unergründlich. Eine Weile sah er sie an, dann ließ er ihre Hand los und erhob sich.
»Ich werde mich von Constanzia scheiden lassen«, sagte er zu Alex’ völliger Überraschung, »und ich möchte, dass du meine Frau wirst.«
Alex glaubte, sich verhört zu haben. Sergio heiraten? Noch vor einem Jahr hätte sie vielleicht darüber nachgedacht, aber in der Zwischenzeit hatte sie zu viel von Sergios Welt gesehen. Und was sie gesehen hatte, erfüllte sie mit tiefer Abscheu. Sergio drehte sich zu ihr um.
»Was hältst du davon?«
Alex bemühte sich, die Fassung zu wahren. Sie fühlte sich in die Enge getrieben, denn auf diese Wendung der Dinge war sie nicht vorbereitet. Verzweifelt suchte sie nach den passenden Worten.
»Das ...«, sie zögerte, »das kommt jetzt ziemlich überraschend.«
»Du könntest weiterhin arbeiten oder nicht, du kannst alles tun, was du tun willst«, seine Stimme war rau, »ich kaufe dir ein Haus, wir könnten Kinder haben. Das willst du doch.«
Alex schrak vor dem Gedanken zurück, wie es sein müsste, mit Sergio verheiratet, ihm ganz und gar ausgeliefert zu sein. Menschen waren gestorben, weil er es so befohlen hatte, und bei der Erinnerung an das düstere Lagerhaus in Brooklyn überlief sie ein eisiger Schauer.
»Versprichst du mir, dass du darüber nachdenkst?« Er ging vor ihr in die Hocke und ergriff ihre Hände. Der Blick aus seinen blauen Augen war wachsam und hinter seinen Augen lag etwas, dass Alex alarmierte. Sergio war ein Mann mit vielen Gesichtern. Wenn er etwas tat, dann nicht ohne Grund. Aber welchen Grund mochte er haben, sie nun auf einmal heiraten zu wollen? Was war geschehen?
»Ich denke darüber nach«, erwiderte sie, »das verspreche ich dir.«
»Gut«, in seinem Lächeln lag eine Spur von Triumph, der Alex nicht gefiel. Unwillkürlich beschlich sie das eigenartige Gefühl, Teil eines Plans zu sein, den sie nicht nachvollziehen konnte. Froh darüber, dass er nicht versucht hatte, sie zu küssen oder gar mit ihr zu schlafen verabschiedete sie sich wenig später und lehnte sein Angebot ab, sie zurück nach Downtown fahren zu lassen.
Sie wollte nur weg aus dieser Wohnung und von diesem Mann, den sie nicht durchschaute und der ihr Angst einjagte.
***
Der Polizeibeamte Thomas Ganelli, der bei dem Überfall auf das Wohnhaus in der Bronx angeschossen und wenige Tage später seinen schweren Verletzungen erlegen war, wurde auf dem Astoria Park Cemetry in Queens beerdigt. Auf seinem Sarg, der von den Kollegen des 41. Polizeireviers getragen wurde, lag die amerikanische Flagge. Unzählige Polizisten in ihren prächtigen Paradeuniformen und ihre Ehefrauen schwitzten in der Gluthitze des Julinachmittags, die Erschütterung und der
Weitere Kostenlose Bücher