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Unterwelt

Unterwelt

Titel: Unterwelt Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Don DeLillo
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Heroin an Bord. Es hieß, die CIA verschiebt Heroin, um irgendeine verdeckte Operation zu finanzieren. Aber wir haben das nicht geglaubt, du und ich.«
    »Weil wir verantwortungsbewußte Männer sind.«
    »Und wir hatten recht«, sagte Sims. »Denn es ist kein Heroin. Es ist kein Giftmüll, es ist keine Industrieasche, und es ist kein Heroin.«
    »Was ist es?«
    »Es ist eine Wortverwechslung. Das ist es.«
    »Welches Wort?«
    »Du weißt doch, wie Heroin genannt wird. Es heißt Stoff, es heißt Scag, es heißt H, es heißt Engelsstaub, es heißt dies, es heißt das. Und wie noch, Nick?«
    »Es heißt Shit.«
    »Siehst du, es ist nämlich keine Schiffsladung Heroin. Es ist eine Schiffsladung Scheiße.«
    Einen Augenblick lang waren wir putzmunter und scharfsichtig. Eine jener Phasen erhöhter Klarheit in einer Nacht aus Reden und Trinken.
    »Irgendwann, stimmt's, irgendwann haben die Gerüchte gesagt, es wäre kein gewöhnliches Frachtschiff.«
    »Ein Klärschlammtanker. Sieh da, die Gerüchte trafen zu.«
    »Mit behandelten menschlichen Fäkalien an Bord.«
    »Von Hafen zu Hafen, fast zwei Jahre sind es jetzt«, sagte er.
    Wir hörten der Musik zu, eine Kasse klingelte am Ende der Bar, und aus einem Hinterzimmer irgendwo sickerte ein bißchen Radiostimme herein, Radio oder Fernsehen.
    »Sag ihr, es tut dir leid. Geh nach Hause, Sims.«
    »Vielleicht sollte sie das zu mir sagen.«
    »Sag es zuerst.«
    »Vielleicht bin ich gar nicht der Schuldige. Schon mal daran gedacht? Der Anstifter.«
    »Ist doch egal, du Trottel.«
    »Das ist schon das zweite Mal«, sagte er und zeigte mir zwei Finger.
    Wir seilten uns ab, gingen woanders hin, Zebrawände und kleine Tische, ein ziemlich voller Raum mit einem Körpersummen, Menschen mit Pilotenbrillen und Silberhemden.
    »Er trägt einen weißen Anzug.«
    »Stimmt.«
    »Und spielt sein Alt.«
    »Stimmt.«
    »Und er guckt aus dem Bild raus, aus dem Rahmen.«
    »Und er trägt weiß-braune Schuhe. Zweifarbige Schuhe. Aber keine Sattelschuhe.«
    »Ich hatte dich nicht nach den Schuhen gefragt. Seine Schuhe sind mir egal.«
    »Ich mein ja bloß.«
    »Seine Schuhe interessieren mich nicht.«
    »Die haben einen Namen, an den ich mich zu erinnern versuche.«
    »Tu das woanders.«
    »In einem New Yorker Club«, sagte ich.
    »Das weißt du? Und ich nicht? Und es ist mein Foto? Wir reden von dem Foto in meinem Haus?« Der Kellner brachte Drinks.
    »Du. Geh nach Hause, sag ihr, es tut dir leid, nimm ein Bad und leg dich schlafen.«
    Er schaute mich an, mit vorgereckter Unterlippe.
    »Da ist noch was.«
    »Als da wäre?« fragte ich.
    »Ein Richter hat eine Anordnung erlassen, eine gerichtliche Verfügung, daß sie den Klärschlamm nicht ablassen dürfen, weil darunter eine Leiche begraben ist«, sagte Sims, nahm sich einen Drink und zog eine Zigarre aus der Tasche.
    »Wessen Leiche?«
    »Wessen Leiche. Wessen Leiche soll es schon sein? Dessen Leiche. Irgendein Mafioso, hab ich gehört. Kopfschuß, Exekution, der Stil.«
    Ein Trio mit einer Sängerin. Sie hatte strähniges rötliches Haar und kupferfarbene Haut, hielt das Mikro an ihren Glitzerschenkel, während ihre Mitspieler das nächste Stück einzählten.
    »Wir streiten uns nie. Unsere Freunde streiten sich«, sagte ich.
    Als der Set zu Ende ging, legte sich schale Erschöpfung über uns. Sims blies Rauch an meiner Schulter vorbei. Ich stupste einen Eiswürfel in meinem Drink, piekste ihn mit einem Finger und sah ihm beim Hochschnellen zu.
    »Ich hab da mal so einen Mann gekannt. Ich hab ihn nicht gekannt, ich bin ihm mal begegnet. Ich war jung«, sagte ich, »er kam beim Billard vorbei.«
    »Worauf bezieht sich das jetzt?«
    »Auf die Leiche im Klärschlamm.«
    »Eine Mafiagestalt. Wer war das?«
    »Ich war jung, im High-School-Alter. Ich habe nur dieses eine Mal mit ihm gesprochen. Aber mein Vater hatte ihn Jahre früher kennengelernt, und davon erzählte er mir. Badalato, nicht mein Vater. Sie waren nicht befreundet, nur bekannt. Sie liefen sich ab und zu mal über den Weg.«
    »Du redest gerade von Mario, Mario Badalato? Den hab ich mal im Fernsehen gesehen«, sagte er, »da schubsen sie ihn gerade in eine Zivilstreife, um ihn dem Gericht vorzuführen, und irgendein Detective legt ihm die Hand auf den Kopf, damit er sich nicht am Türrahmen stößt, und ich sitze da und überlege, warum geben sich diese Polizisten solche Mühe, um die Verbrecher davor zu bewahren, daß sie sich beim Einsteigen in Streifenwagen den Kopf stoßen,

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