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Verlorene Illusionen (German Edition)

Verlorene Illusionen (German Edition)

Titel: Verlorene Illusionen (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Honoré de Balzac
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alles die Liebe.« Und er erklärte ihm seine Lage.
    »Zeig den Artikel her«, sagte d'Arthez, der von allem, was Lucien ihm von Coralie gesagt hatte, sehr ergriffen war.
    Lucien reichte ihm das Manuskript, d'Arthez las es und konnte ein Lächeln nicht zurückhalten. »Was für ein verhängnisvoller Mißbrauch des Geistes!« rief er. Aber er schwieg, als er sah, wie Lucien von wahrem Schmerz ganz überwältigt im Stuhle saß.
    »Willst du es mich korrigieren lassen? Ich schicke es dir morgen wieder«, sagte er. »Späße dieser Art setzen ein Werk herab; eine ernste und gründliche Kritik ist manchmal ein Lob; ich kann deinen Artikel für dich und für mich ehrenhafter gestalten. Und überdies kenne ich allein meine Fehler!«
    »Wenn man einen öden Berghang hinansteigt, findet man manchmal eine Frucht, mit der man den brennenden Durst stillen kann; so geht es mir mit dir!« rief Lucien, warf sich d'Arthez in die Arme und weinte. Dann küßte er ihn auf die Stirn und sagte: »Mir ist es, als ob ich dir mein Gewissen anvertraue, damit du es mir eines Tages wiedergibst.«
    »In meinen Augen ist die periodisch auftretende Reue eine große Heuchelei,« sagte d'Arthez feierlich, »die Reue ist dann eine Prämie, die den schlechten Handlungen beigegeben wird. Unsere Seele schuldet Gott eine Reue, die jungfräulich ist; ein Mensch, der zweimal bereut, ist demnach ein heuchlerischer Schurke. Ich fürchte, du erblickst in deinen Reueanfällen immer Absolutionen.«
    Diese Worte wirkten auf Lucien niederschmetternd; mit langsamen Schritten begab er sich nach der Rue de la Lune zurück. Am Tage darauf trug der Dichter seinen Artikel in der neuen Gestalt, in der er ihn von d'Arthez zurückerhalten hatte, auf die Redaktion; aber von diesem Tage an zehrte eine Melancholie an ihm, die er nicht immer verbergen konnte. Als er am Abend den Zuschauerraum des Gymnase ausverkauft sah, empfand er die heftige Aufregung, die ein Debüt auf der Bühne mit sich bringt, die aber bei ihm um die ganze Gewalt seiner Liebe vermehrt war. Seine ganze Eitelkeit war im Spiel, sein Blick suchte alle Gesichter zu ergründen, wie der Blick eines Angeklagten die Mienen der Geschwornen und Richter ergründen will; ein kleines Geräusch brachte ihn zum Zittern; ein kleiner Vorfall auf der Bühne, die Auftritte und Abgänge Coralies, die geringsten Schwankungen der Stimme mußten ihn maßlos erregen. Das Stück, in dem Coralie zum erstenmal auftrat, war eines von denen, die durchfallen, aber sich wieder erheben, und das Stück fiel durch. Als Coralie die Bühne betrat, ertönte kein Beifall, und sie war über die Kälte des Parterre niedergeschlagen. In den Logen gab es keinen andern Beifall als den von Camusot. Vom Balkon und den Galerien aus wurde das Händeklatschen des Kaufmanns niedergezischt. Als die Claqueure an ungeschickten Stellen in allzu deutlich übertriebenen Beifall ausbrechen wollten, wurden sie von den Galerien aus zum Schweigen gebracht. Martainville klatschte tapfer, und die heuchlerische Florine, Nathan und Merlin folgten dem Beispiel. Nachdem das Stück einmal durchgefallen war, kamen eine Menge Menschen in Coralies Ankleidezimmer, aber sie verschlimmerten das Übel durch den Trost, den sie ihr spendeten. Die Schauspielerin kam verzweifelt nach Hause, weniger um ihret- als um Luciens willen.
    »Wir sind von Braulard verraten worden«, sagte er.
    Coralie bekam ein schreckliches Fieber, sie war im Innersten getroffen. Am nächsten Tage war es ihr unmöglich zu spielen; sie sah sich in ihrer Karriere aufgehalten. Lucien verbarg die Zeitungen, er las sie im Eßzimmer. Alle Berichterstatter schrieben die Niederlage des Stückes Coralie zu: sie hätte von ihren Gaben eine zu hohe Meinung gehabt; sie, die das Entzücken des Boulevardpublikums war, wäre am Gymnase nicht am Platz; sie wäre durch einen löblichen Ehrgeiz dahin gebracht worden, aber sie hätte ihre Mittel nicht in Betracht gezogen, sie hätte ihre Rolle falsch aufgefaßt. Lucien las nun Artikel über Coralie, die in derselben heuchlerischen Art abgefaßt waren, wie er über Nathan geschrieben hatte. Eine Wut, die Milons von Croton würdig gewesen wäre, als er seine Hände in der Eiche gefangen fühlte, die er selbst auseinandergerissen hatte, brach bei Lucien aus, er wurde leichenblaß: seine Freunde gaben Coralie mit wunderbar gütigen, freundlichen und teilnehmenden Worten die perfidesten Ratschläge. Man sagte ihr, sie müßte Rollen spielen, von denen die tückischen

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