Verlorene Illusionen (German Edition)
Verfasser dieser infamen Artikel wissen mußten, daß sie ihrem Talent gänzlich widerstrebten. So sah es in den royalistischen Zeitungen aus, deren Mitarbeitern ohne Frage Nathan den Ton angegeben hatte. Die liberalen Blätter und die kleinen Skandalblätter entfalteten die Perfidien und Bosheiten, die Lucien selbst oft genug geübt hatte. Coralie hörte ein paar Seufzer, sie sprang aus ihrem Bett, erblickte die Zeitungen, wollte sie sehen und las sie. Dann legte sie sich wieder ins Bett und sprach kein Wort. Florine war mit in der Verschwörung, sie hatte den Ausgang vorausgesehen und die Rolle Coralies einstudiert. Nathan war ihr dabei an die Hand gegangen. Die Direktion, die auf das Stück Wert legte, wollte Coralies Rolle Florine geben. Der Direktor suchte die arme Schauspielerin auf, die er in Tränen und sehr niedergeschlagen antraf; aber nachdem er ihr vor Lucien gesagt hatte, Florine hätte die Rolle gelernt, und es wäre unmöglich, das Stück am Abend nicht zu geben, richtete sie sich auf und sprang aus dem Bett: »Ich werde spielen!« schrie sie.
Sie fiel bewußtlos hin. Florine hatte also die Rolle und gründete ihren Ruhm darauf, denn sie rettete das Stück; es wurden ihr in allen Zeitungen die größten Huldigungen gebracht, und von da an wurde sie die große Schauspielerin, die die Welt kennt. Der Triumph Florinens brachte Lucien völlig außer sich.
»Diese Elende, deren Glück du begründet hast! Wenn das Gymnase will, kann es dein Engagement lösen. Ich werde Graf von Rubempré, werde reich und heirate dich.«
»Welche Torheit!« sagte Coralie und warf ihm einen fahlen Blick zu.
»Torheit!« rief Lucien. »In einigen Tagen sollst du ein schönes Haus bewohnen, eine Equipage haben, und ich schreibe eine Rolle für dich.« Er steckte zweitausend Franken zu sich und eilte zu Frascati. Der Unglückliche blieb dort sieben Stunden. Wahnsinnige Gier zehrte an ihm, aber sein Gesicht war kalt und ruhig. Während dieses Tages und eines Teiles der Nacht wechselten seine Chancen fortwährend: er brachte es bis zu dreißigtausend Franken und ging schließlich ohne einen Sou fort. Zu Hause fand er Finot vor, der auf ihn wartete, um nach seinen Artikelchen zu fragen. Lucien beging den Fehler, sich zu beklagen.
»Ja, es ist nicht alles rosig,« erwiderte Finot; »Sie haben Ihre Schwenkung so plötzlich gemacht, daß Sie die Unterstützung der liberalen Presse verlieren mußten, die viel stärker ist als die ministerielle und royalistische Presse. Man sollte nie von einem Lager ins andere übergehen, wenn man sich nicht vorher ein gutes Bett zurechtgemacht hat, in dem man sich über die Verluste tröstet, auf die man gefaßt sein muß; auf alle Fälle aber sucht ein kluger Mann seine Freunde auf, setzt ihnen seine Gründe auseinander und läßt sich von ihnen selbst zu seinem Abfall raten. Sie werden seine Mitschuldigen, bedauern einen, und man trifft dann wie Nathan und Merlin mit seinen Kollegen die Verabredung, sich gegenseitige Dienste zu leisten. Die Wölfe fressen sich nicht untereinander. Sie sind in dieser Sache mit der Unschuld eines Lammes vorgegangen. Sie werden genötigt sein, Ihrer neuen Partei die Zähne zu zeigen, wenn Sie Vorteil aus ihr ziehen wollen. So wie die Dinge jetzt stehen, hat man Sie selbstverständlich Nathan geopfert. Ich will Ihnen nicht verhehlen, wie groß der Lärm, die Entrüstung und das Geschrei über Ihren Artikel gegen d'Arthez ist. Marat ist ein Heiliger gegen Sie. Es bereiten sich heftige Angriffe gegen Sie vor, Ihr Buch wird auf der Strecke bleiben. Wie steht es mit Ihrem Roman?«
»Hier sind die letzten Druckbogen«, sagte er und zeigte auf ein Paket Korrekturen. »Man schreibt Ihnen die nichtgezeichneten Artikel in den Blättern der Ministeriellen und Ultras gegen diesen kleinen d'Arthez zu. Jetzt richten sich alle Tage die Nadelstiche des ›Réveil‹ gegen die Männer von der Rue des Quatre-Vents, und die Bosheiten sind um so stärker, weil sie witzig sind. Es steht eine ganze ernsthafte politische Richtung hinter dem Blatt von Léon Giraud, eine Richtung, der früher oder später die Macht zufallen wird.«
»Ich habe seit acht Tagen keinen Fuß in die Redaktion des ›Réveil‹ gesetzt.«
»Nun, schön also. Denken Sie an meine kleinen Artikelchen. Machen Sie gleich fünfzig, ich zahle sie Ihnen alle auf einmal, aber schreiben Sie in der Farbe des Blattes.«
Und Finot gab Lucien in lässigem Tone den Stoff zu einem Spottartikel gegen den Justizminister und
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