Waffenschwestern
ihres Alters und Ranges zustand; Marta hatte sogar ein leises Lachen darüber
unterdrücken können, auch wenn es ihr schwer fiel. Der
Kommandant wirkte so jung, und seine Besatzung kam ihr wie 347
eine Horde bloßer Kinder vor … obwohl sie das natürlich nicht war. Trotzdem reagierten die Leute auf Marta wie ihre vielen Nichten und Neffen und behandelten sie wie eine Ehrengroß-
mutter. Als Gegenleistung für die Bereitschaft, denselben alten Geschichten von Liebe, Verrat und Versöhnung zu lauschen, erhielt Marta ungeheure Mengen an Informationen, von denen die jungen Leute gar nicht ahnten, dass sie sie weitergaben.
Zum Beispiel Pivot-major Gleason; er war sich eines
möglichen Loyalitätskonfliktes im Spannungsfeld zwischen dem Regulär Space Service und seiner Familie anscheinend gar nicht bewusst, beförderte jedoch nicht deklarierte Pakete von seinem Bruder zur Familie seiner Schwägerin – Pakete, die eigentlich nach den derzeitigen strengen Kontrollen von den
Postdienststellen geöffnet und durchsucht worden wären.
Gleason hatte keinerlei Schuldgefühle dabei, und Marta hoffte sehr, dass er lediglich gestohlene Edelsteine oder etwas gleichermaßen Harmloses beförderte, und keinen Sprengstoff.
Während Ensign Currany gerade dabei war, um Rat
hinsichtlich unerwünschter Annäherungsversuche eines ranghöheren Offiziers nachzusuchen, verriet sie erschreckende Fehleinschätzungen dessen, was ein Registrierter Embryo war, was wiederum auf eine ganz andere politische Orientierung hindeutete als die, die sie nach außen vorgab. Normalerweise wäre das nicht wichtig gewesen, aber jetzt musste sich Marta doch fragen, warum Currany in die Flotte eingetreten war –und wann.
Marta fand heraus, dass ein Umwelttech hoffnungslos in den glücklich verheirateten ersten Navigator verliebt war, und dass der eigenartige Geruch in den Mannschaftsunterkünften auf ein illegales Citra-Schoßtier zurückging, das in einem Geheimfach 348
im Wandschott hinter einer Koje aufbewahrt wurde. Die
Besitzer holten es hervor und zeigten es ihr, und sie verzauberte die Leute, indem sie duldete, dass das Tierchen ihren Arm hinaufkrabbelte und ihr den pelzigen Schwanz um den Hals schlang. Sie hörte Teile eines wütenden Streites zwischen zwei Pivot-majors über Esmay Suiza mit – einer, der an Bord der Despite gedient hatte, bestand darauf, dass sie loyal und talentiert war, während der andere, der sie nie kennen gelernt hatte, hartnäckig behauptete, sie wäre eine heimliche Verräterin, die wollte, dass Brun entführt wurde, und wahrscheinlich den Piraten erzählt hatte, wo sie sie finden konnten. Marta hätte gern mehr mitgehört, aber die beiden Streithähne hörten sofort auf, als sie Marta auf dem Korridor herumlungern sahen; keiner wollte mehr etwas zum Thema sagen.
Am Ende der einundzwanzig Reisetage wusste Marta wieder ganz genau, warum sie normalerweise isoliert lebte: Die Leute erzählten ihr Sachen, hatten es schon immer getan, und nach nur wenigen Wochen fühlte sich Marta voll gestopft mit den
unzähligen Details des Lebens und der Gefühle dieser
Menschen. Dabei hatte sie Therapeutin nie als liebste Definition ihrer selbst betrachtet.
Marta bereitete sich auf ihr erstes Treffen mit Häschen vor; der spannungsgeladenen Atmosphäre ringsherum konnte sie
entnehmen, dass – ob es ihr nun gefiel oder nicht – sie aller Welt Lieblingskandidatin war, was einen Therapeuten für Häschen anging. Sie rauschte mit ihrem üblichen Flair ins Zimmer und hoffte dabei, dass es die übliche Wirkung auf ihn zeitigte.
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Diesmal war das nicht der Fall. Lord Thornbuckle hob den Blick zu ihr und zeigte das Gesicht eines Menschen, der nicht mehr weit von der Grenze eines funktionierenden Verstandes entfernt war. Verzweifelt, erschöpft … nicht der Ausdruck, den man im Gesicht des Regierungschefs der Regierenden Familias sehen wollte, eines Menschen, von dessen Urteilskraft die Sicherheit des ganzen Imperiums abhing.
Marta dämpfte ihren instinktiven Elan und ging leise durch das Zimmer, um die Hand zu ergreifen, die er nach ihr
ausstreckte.
»Häschen, es tut mir so Leid.«
Er starrte sie wortlos an.
»Aber ich kenne Brun, und wenn sie noch lebt, können und werden wir ihr helfen.«
»Du hast ja keine Ahnung…« Er schluckte. » … was sie mit ihr gemacht haben. Mit meiner Tochter… !«
Sie wusste es durchaus, aber er hatte eindeutig das Bedürfnis, es ihr zu erzählen. »Erzähle mir davon«, sagte sie
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