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Waffenschwestern

Waffenschwestern

Titel: Waffenschwestern Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Elizabeth Moon
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nur einen kurzen Blick, ehe die Vorsteherin sie dort wegzog. Ein Nähzimmer der oberen Etage wies Fenster an der hinteren Hauswand auf, unter denen sich ein langer, ummauerter Garten voller Obstbäume
    ausbreitete; an einigen hingen ein paar Äpfel. Hinter der Gartenmauer – Brun versuchte nicht zu starren, sagte sich, dass sie später noch genug Zeit fand, um hinzusehen – hinter der Gartenmauer führte eine Straße entlang, und dahinter ragten weitere Häuser auf… und dahinter folgten noch mehr Gebäude, offenes Land, unebene Felder und ferne Hügel.
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    Im Kinderhort genossen die Frauen mehr Freiheit. Sie sollten hier Kräfte für eine weitere Schwangerschaft sammeln; man ermunterte sie, im Obstgarten spazieren zu gehen und ebenso die Hausarbeit und das Kochen zu besorgen. Hier waren auch nicht alle Frauen der Stimme beraubt. Sie stammten, wie Brun erfuhr, aus anderen Mütterhäusern sowie aus Privathaushalten
    … Dienerinnen, deren Kinder andernorts aufgezogen werden würden, während die Mütter zu ihren Pflichten zurückkehrten.
    Die Aufseherinnen untersuchten die Mütter täglich im Hinblick auf Sauberkeit und Zeichen irgendeiner Krankheit und
    überwachten auch die Haushalts-und Küchenarbeiten;
    ansonsten behandelten sie sie mit freundlicher Bestimmtheit.
    Die stummen Frauen erfuhren vielleicht weniger Freundlichkeit und mehr Bestimmtheit, aber keine aktive Unfreundlichkeit.
    Sie fuhren damit fort, Brun die Fähigkeiten zu vermitteln, die ihrer Meinung nach alle Frauen haben sollten. Brun hatte gar nicht gewusst, dass dergleichen möglich war, aber sie verfolgte mit, wie die übrigen Frauen Socken und Handschuhe und
    Fäustlinge hervorbrachten, und das mit nicht mehr Hilfsmitteln als etlichen Holzstängeln und Knäueln aus faserigem Garn. Sie erhielt ihr Paar Holzstängel, und man zeigte ihr – immer wieder
    –, wie man anschlug, wie man eine schlichte Masche strickte. Es war das Langweiligste, was Brun je getan hatte, ein ums andere Mal die gleichen kleinen Handbewegungen auszuführen, noch schlimmer, als Nähte zu nähen. Dann reichte man ihr einen weiteren Stängel und zeigte ihr, wie man eine Röhre strickte.
    Etwas machte Klick in ihrem Kopf-dieser Vorgang, ausgeführt mit feinerem Garn und auf einer Maschine, brachte einige der Dinge hervor, die sie schon getragen hatte. Pullover zum Beispiel: drei zusammengenähte Röhren. Strümpfe … Über-377
    hosen … röhrenförmige Strickarbeiten. Das war intellektuell interessant, eines der wenigen Dinge hier, für die das galt.
    Es wurde kälter, und Brun zitterte. Die anderen Frauen, die es in den selbst gestrickten Schals und Pullovern warm hatten, schüttelten die Köpfe über sie.
    »Du musst schneller arbeiten«, erklärte eine von ihnen. »Du wirst frieren, wenn du keine Winterkleider hast.« Im Winter, so erläuterten die anderen, trugen sie lange Strickstrümpfe unter den Röcken, gehalten von einer eigenartigen Vorrichtung aus Gurten und Knöpfen. Die in den Strümpfen steckenden Füße verstießen nicht gegen das Schuhverbot, weil die Strümpfe keine harten Sohlen aufwiesen. In Haushalten trugen manche Frauen bei nassem Wetter oder Schnee sogar Holzschuhe, falls sie auf den Markt gehen mussten, aber hier taten die Frauen das nicht.
    Brun erhielt in diesem Haus auch die förmliche Einführung in die Glaubensvorstellung ihrer Entführer. Diese dachten, dass Außenstehende keine Moral hatten und keine eigenen
    Glaubensvorstellungen, die der Erwähnung wert gewesen
    wären. Also ging es mit Grundlagen los, wie man sie, so vermutete Brun, Kindern vermittelte. Gott, ein übernatürliches Wesen, das das Universum erschaffen hatte. Der Mann, die Krone der Schöpfung. Die Frau, erschaffen als Trost und Hilfe für den Mann. Böse Mächte, die gegen Gott rebellierten und die Frau dazu verlockten, sich widerrechtlich die Position des Mannes anzueignen.
    Zur Abwechslung mal hatte es Vorteile, stumm zu sein.
    Niemand konnte Brun zwingen, die Regeln und Rituale zu
    rezitieren wie die übrigen Frauen. Und da Frauen keinen
    »Diskurs« führten – ein Wort, das nach hiesigem Verständnis 378
    für Reden und Schreiben über göttliche Fragen stand –, wurde von Brun auch nicht verlangt, Antworten auf die Fragen
    niederzuschreiben, die den anderen rituell gestellt wurden. Man ermutigte hier Frauen ohnehin nicht, zu lesen oder zu schreiben
    – auch wenn Kochrezepte und Kompendien des Wissens über andere haushälterische Fragen erlaubt waren.

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