Waffenschwestern
Vorstellungskraft entzündete sich an 398
der Möglichkeit – nein, der Gewissheit, dass eines Tages ihr eigenes widerspenstiges Haar in einem solchen Korb liegen würde, die Stränge, wie kurz oder dürftig auch immer sie ausfielen, förmlich zu Zöpfen geflochten und mit Seidenschnü-
ren zusammengehalten.
Der Leichnam ihrer Urgroßmutter lag natürlich schon lange unter einem neuen, blassen Grabstein bestattet. Ihr Haar erwartete jedoch diesen letzten zeremoniellen Tanz. Kein Musiker spielte auf. In der dunklen Nacht, im flackernden Kerzenlicht führte Esmay die Frauen der Estancia auf einer langsamen Prozession um den Grabstein jeder Landbraut,
angefangen bei der Ältesten und bis zur Jüngsten führend. Die Männer, die in einem Ring um diesen Platz standen, stampften dazu einen langsamen Rhythmus, aber sie folgten der Prozession nicht.
Als der Tanz vorüber war, hob Esmay den silbrigen Zopf aus dem Korb und hielt ihn hoch, drehte ihn, damit ihn alle sehen konnten.
»Die Landbraut…«, erklang das gedämpfte Flüstern aus
vielen Kehlen. »Die Landbraut ist gestorben …«
»Sie, die die Landbraut war, ist nicht mehr«, sagte Esmay.
»Sie ist in die Dunkelheit gegangen«, sagte die Menge.
»Sie ist zum Land zurückgekehrt«, sagte der Priester. »Und ihr Geist zu den Himmeln.«
»Ihre Macht wurde freigesetzt«, sagte Esmay. Sie band die Silberschnur auf und wickelte die Stränge des Zopfs
auseinander. Der Nachtwind wehte seufzend die Berge herab und strich ihr durch all die Schichten ihrer Kleidung kalt um die 399
Beine. Die Kerzenflammen flackerten seitwärts; ein paar gingen aus.
»Zu den Himmeln …«, sagte die Menge.
Esmay löste auch die zweite Schnur an der Zopfspitze und hielt den geöffneten Zopf mit den offenen Handflächen hoch.
Ein Windstoß hob erst einen Strang auf, dann einen weiteren.
Esmay hörte die nächste Bö kommen, in der die Bäume rings um die Lichtung erbebten. Als Esmay den Wind spürte, sprang sie hoch und warf das Haar in die Luft… und landete in völliger Dunkelheit; alle Kerzen waren ausgegangen.
»Jetzt ist der Tod; jetzt wird die Trauer geboren!« In
Dunkelheit und windiger Kälte stieg dieser Schrei von den Menschen auf und ging in das förmliche Trauerklagen über.
Eine Stimme, eine schwankende, alte Stimme sang die
Geschichte vom Leben der Urgroßmutter Esmays, ein
Kontrapunkt zu den klagenden Rufen. Es war ein langes Leben gewesen; es war ein langes Klagelied, und es endete erst, als die Dunkelheit zurück unter die Bäume kroch, auf der Flucht vor dem aufdämmernden Morgen. Das Licht wurde von einem
Augenblick zum Nächsten stärker; einer nach dem anderen ver-stummten die Trauernden, bis schließlich kein Laut mehr zu hören, keine Bewegung mehr zu sehen war. In weiter Ferne, wie es schien, krähte ein Hahn, und ein weiterer antwortete.
Der Priester mit seinem hohen schwarzen Hut hatte sich
umgedreht und blickte dem Sonnenaufgang entgegen. Die
Frauen halfen Esmay zurück durch die Menge, bis in das durch Vorhänge unterteilte Zelt, das Esmay in der Dunkelheit zuvor gar nicht gesehen hatte. Rasch zogen ihr die Frauen die schwarze Weste aus, den Rockbund, Rock, Bluse, Schuhe. Dann halfen sie ihr in die traditionelle Kluft der Landbraut, die über 400
der weißen Unterkleidung getragen wurde: weiße Bluse mit weiten gefältelten Ärmeln, die in einer Handbreit lockerer Spitzen ausliefen; ein weißer Rock mit grünen Nadelstreifen; weiße bestickte Rehlederweste, mit leuchtenden Perlmustern besetzt, die Blumen und Reben und Obst zeigten … und
obendrauf ein Hut mit zwei stumpfen Spitzen, von denen
jeweils eine goldene Quaste am Ohr vorbei bis auf die Schulter fiel. Um die Hüfte kam der scharlachrot und purpurn gestreifte Rockbund, gefaltet und präzise zugebunden. In seinen Falten verlief ein schmaler Gürtel, von dem an der rechten Hüfte die gekrümmte Klinge einer Sichel hing, das Metall buntfleckig vor Alter, aber mit nach wie vor glänzender Schneide. Links trug Esmay eine Tasche mit Saatgut an einem Schulterriemen.
Weiche grüne Stiefel, gesäumt mit gelber Seide, würden später noch hinzukommen – zunächst ging Esmay barfuß.
Als sie wieder hinaustrat, fiel das Sonnenlicht in langen rotgoldenen Balken durch die Bäume, aber der Tau unter den Füßen fühlte sich eiskalt an. Jemand schlug hinter ihr eine Glocke an, und auf deren nachhallenden weichen Klang hin drehte sich der Priester zu Esmay um. Auf den ausgestreckten Händen hob
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