Waffenschwestern
letzte Stück weit im Süden in seinem kleinen Steinhaus ruhte.
Inzwischen trieb der Geruch von Speisen aus den Küchen
herüber; zur Morgendämmerung der Landbraut durften die
Feuer wieder entzündet und die Öfen erhitzt werden. Frisches warmes Brot, Braten … Esmay setzte sich auf einen Thron, überhäuft mit späten Blüten, als der Festschmaus zu ihren Gästen herausgebracht wurde.
Als die Menge sich ringsherum ausdünnte, trat ihre Kusine Luci zu ihr. »Ich habe deine Bücher da«, sagte sie. »Die Herde hat sich gut entwickelt.«
»Gut«, sagte Esmay. Sie nippte an dem Krug, den ihr jemand gereicht hatte, und ihr wurde schon von den Dämpfen fast schwindelig. »Könntest du mir etwas Wasser bringen? Das hier ist zu stark.«
Luci lachte. »Sie möchten die Landbraut wirklich auf die alte Art und Weise einsetzen, nicht wahr? Ich hole dir Wasser.« Sie lief los und war schnell zurück, diesmal mit einem gut
aussehendenjungen Mann auf den Fersen.
»Danke«, sagte Esmay und nahm den Krug mit dem kühlen
Wasser entgegen.
404
Als die lange Zeremonie vorbei war, führte Esmays Stiefmutter sie in die Suite der Urgroßmutter. »Ich hoffe, du bleibst eine Zeit lang hier«, sagte die Stiefmutter. »Das ist jetzt dein Zuhause … Wir können die Räume neu ausstatten…«
»Aber mein Zimmer ist oben«, wandte Esmay ein.
»Nur, wenn du möchtest. Natürlich, wenn du darauf
bestehst… Aber das hier war immer … Es ist der älteste Teil des Hauses.«
Sie versuchte, taktvoll und hilfreich zu sein; Esmay wusste das, wie sie auch wusste, dass sie selbst nach all dem zu müde war, um über irgendetwas in Ruhe zu diskutieren. Was spielte es letztlich für eine Rolle, wo sie schlief?
»Ich denke, ich lege mich eine Zeit lang hin«, sagte sie stattdessen.
»Natürlich«, sagte ihre Stiefmutter. »Ich helfe dir mit diesen Sachen.«
Die Stiefmutter hatte sie so gut wie nie angefasst, so weit sich Esmay erinnerte – es war wirklich ein seltsames Gefühl, dass sie ihr jetzt half. Hätte sie ihr vor Jahren schon geholfen, falls Esmay es geduldet hätte? Ein beunruhigender Gedanke, über den Esmay nach einem ausgiebigen Schlaf vielleicht noch einmal nachdenken konnte. Die Stiefmutter war tatsächlich eine geschickte Zofe, die rasch mit den Verschlüssen fertig wurde und genau wusste, wann sie sich abzuwenden und Esmay in Ruhe zu lassen hatte, die Überbekleidung sorgfältig
zusammengefaltet auf den Armen.
405
*
Esmay erwachte am späten Nachmittag im kalten Licht eines bedeckten Himmels – Wolken waren herangezogen. Nichts
wirkte richtig … und dann fiel ihr alles wieder ein. Sie lag nicht oben im eigenen Bett, sondern dem ihrer Urgroßmutter. Außer dass das jetzt ihr eigenes Bett war, auf eine Art, wie es für das im alten Zimmer nie gegolten hatte … nicht durch Gewohnheit oder Zuteilung ihres, sondern durch Tradition und Gesetz. Alles gehörte jetzt ihr … dieses Bett, der bestickte Wandbehang mit der Aufschrift »Die Augen Gottes sind stets geöffnet« (die Urgroßmutter hatte die Nadelarbeit als junges Mädchen selbst ausgeführt), die Stühle… die Wände ringsherum, die Felder, die die Wände umgaben, von der fernen sumpfigen Meeresküste bis zu den Bergwäldern. Obstbäume, Olivenbäume, Nussbäume,
Gärten und Ackerland, jede Blume auf den Feldern, jedes wilde Tier in den Wäldern. Nur die Nutztiere gehörten möglicherweise anderen – aber Esmay war es, die Weiderechte vergab oder verweigerte, die Ackerland und Weideland auswies.
Sie schob die Decke zur Seite und richtete sich auf. Ihre Stiefmutter oder sonst jemand hatte Alltagskleidung
zurechtgelegt. Nichts von dem, was Esmay mitgebracht hatte, sondern neue Sachen – eine weiche schwarze Wollhose und einen bunten Pullover. Esmay entdeckte das angrenzende Bad, duschte und zog dann die neuen Kleider an.
In der Halle unterhielt sich Luci leise mit Sanni und Berthold.
Sanni bedachte Esmay mit einem ausgiebigen, nachdenklichen Blick. »Hast du gut geschlafen?«, fragte sie. Esmay hatte das Gefühl, dass hinter dieser Frage mehr steckte, als die Worte besagten.
406
»Ja«, antwortete sie. »Und jetzt habe ich wieder Hunger.«
»Nur noch ein paar Minuten«, sagte Sanni und ging zur
Küche hinüber.
»Willkommen zu Hause«, sagte Berthold. Er wirkte ein
wenig argwöhnisch.
»Danke«, sagte Esmay. Sie versuchte darauf zu kommen, ob ihr neuer Status irgendetwas außer dem Rechtstitel auf das Land verändert hatte … Erwartete man
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