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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Titel: Wanderungen durch die Mark Brandenburg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Theodor Fontane
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anderer einfacher Bilderrahmen, der statt eines Bildes ein vergilbtes Quartblatt Papier umfaßt. Dies Quartblatt Papier, auf beiden Seiten beschrieben (weshalb der Rahmen hinten und vorn ein Glas hat) ist das Konzept eines in Versen abgefaßten Briefes, den Kronprinz Friedrich von Königsberg aus im August 1739 an Voltaire richtete. Im einundzwanzigsten Bande der Oeuvres complètes, dem sechsten der »Correspondances«, findet sich dieser Versebrief abgedruckt.
     
    Ich stelle nun behufs eines Vergleiches den gedruckten Brief und die verschiedenen Versionen des Steinhöfeler Konzepts zusammen, zugleich eine Übersetzung hinzufügend, bei der ich auf eine Markierung der kleinen Unterschiede verzichtet habe.
    [...] [Der mehrspaltige Textvergleich kann hier nicht wiedergegeben werden. – D.B.]
    Was uns an diesem beschriebenen Quartblatt am meisten interessiert, ist wohl der Umstand, daß uns dasselbe (eben weil Brouillon) in die Entstehungsgeschichte dieser und ähnlicher Versbriefe des Kronprinzen einführt und uns genau zeigt, wie er arbeitete. Es überrascht dabei einmal eine gewisse Strenge gegen sich selbst, die sich in den doppelten und dreifachen Varianten ausspricht, andererseits aber ein gewisses prosaisches »sich's bequem machen«, das die Reimworte nicht mit ahnungsvoller Sicherheit im Momente heraufbeschwört, sondern sie aufschreibt, um nun völlig nüchtern und nach Bedürfnis die Auswahl treffen zu können. So finden wir in kurzen und langen Kolumnen untereinander geordnet, erst: hyperbole, parole, dann pretendu, venu, parvenu, dann magnifique, rustique, implique, philosophique, intrique, musique, inique, poetique; endlich aprouvé, depravé, annoncé, consumé alarmé etc., Aufzählungen, aus denen ersichtlich wird, daß der Kronprinz in vielen Fällen nicht eine Hülle für den Gedanken, sondern einen Gedanken für die Hülle suchte. Übrigens arbeiten bekanntlich viele Poeten auf ähnliche Weise und so unpoetisch, auf den ersten Blick, dieser Weg erscheinen mag, so ist doch schließlich nicht erwiesen, daß derselbe wesentlich schlechter sei als ein anderer. Er erinnert an das Verfahren einzelner Maler, besonders guter Koloristen, die zunächst eine bloß harmonische Wirkung auf die Sinne bezweckend, nicht klare Gestalten, sondern Farben nebeneinander stellen. Farben, die dem Reim entsprechen. Form und Gedanke finden sich nachher. Wie sie sich finden, scheinbar zwanglos oder aber sichtlich erzwungen – davon hängt dann freilich das Gelingen oder Scheitern ab.
    Wir haben diesem umrahmten Quartblatt Papier wieder seinen Ehrenplatz an der Längswand des Bibliothekszimmers gegeben und treten nun aus dem kühlen schattigen Raum in den sonnbeschienenen Park hinaus. Es ist jener Mittagszauber, von dem es im Liede heißt:
     
    Vor Wonne zitternd hat die Mittagsschwüle
    Auf Tal und Höh in Stille sich gebreitet,
    Man hört nur, wie der Specht im Tannicht schreitet
    Und wie durchs Tobel rauscht die Sägemühle.
     
    Hier ist es nicht die Sägemühle, die rauscht, aber ein Bach, der, aus dem Felde kommend, über ein natürliches Wehr von Feldsteinblöcken niedersprudelt und schillernd in Regenbogenfarben in den hellbeleuchteten Park tritt. Weiterhin wird er ein Teich und die umstehenden Bäume werfen ihr Bild in die dunkelklare Tiefe. Durch den Park hin, südenwärts, ist eine Lichtung geschlagen und vor die lichte Öffnung schiebt sich in Dämmerferne der Hügelzug der »Rauenschen Berge«. Die scharf gezogene Kontur ihres Profils mahnt an südlich Land und blauen Himmel. Über den Teich hin fliegen Libellen, das einzig Lebende, das um diese Zeit noch flügg' und munter ist. Denn ihre Flügel sind groß und ihre Leiber sind leicht.
    Ein seltsam Klingen und Tönen zieht durch die Luft,
     
    Jetzt ist die Zeit, wo tief im Schilf ein Wimmern
    Den Fischer weckt...
     
    aber eh noch das Klingen ein bestimmter Klang geworden, fällt die Kirchglocke mit ihren zwölf Mittagsschlägen ein, der Mittagsspuk verfliegt und nur der Zauber der Schönheit und der Stille bleibt.
     

Von Sparren-Land und Sparren-Glocken
     
    Sagt selber, kommt's nicht dem Herrn zugut,
    Wenn sein Kriegsvolk was auf sich halten tut?
    Wer anders macht ihn, als seine Soldaten,
    Zu dem großmächtigen Potentaten.
     
    Unser Weg führt uns heute in das alte »Sparren-Land.«
    Der ausgedehnte Landstrich, auf dem diese längst vom historischen Schauplatz abgetretene Familie reich begütert war, hat zwar nur noch sehr bedingten Anspruch auf jenen

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