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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Titel: Wanderungen durch die Mark Brandenburg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Theodor Fontane
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1664 seinen großen Türkenzug antrat.
     
    *
     
    Und nun endlich Lichterfelde selbst. In seiner Kirche, der ausnahmsweise die Sparren-Glocken fehlen, befinden sich drei Kindergrabsteine aus der Sparrenzeit. Sie sind sehr abgetreten, einer so völlig, daß von Inschriftenlesen keine Rede mehr sein konnte. Bei den beiden andern entzifferte ich folgendes. Auf dem größeren: »Anno 1606 (oder 1600, wahrscheinlich letzteres) ist geb. Anna Sparr und... 16... in Gott selig entschlafen; der Seele Gott genade«. – Auf dem kleineren: »Anno 1604 d. 2. Januar ist geboren Elisabeth Sparrn... entschlafen d. 3. Januar um 12 Uhr in der Nacht«.
    Die Hauptsehenswürdigkeit ist das Schloß, in dem mutmaßlich um 1605 unser Otto Christoph geboren wurde. Dieser Umstand allein schon würde dem Schloß ein Anrecht auf unser Interesse geben; es trifft sich aber, daß es, abgesehen von seinen Beziehungen zu den Sparrs, auch als eine durch Eigenart und Munifizenz ausgezeichnete bauliche Schöpfung anzusehen ist.
    Über die näheren Umstände des Baues, über Jahreszahl, Namen der Bauherren und des Baumeisters gibt eine lateinische Inschrift Auskunft, die sich in Front des Schlosses befindet. Sie lautet:
    Dominus conserva nos. Psalm 126. Nisi Dominus aedificaverit Domum in vanum laboraverant, qui aedificant. Ao Dni 1565 Die 26 Julii Arend et Christoff Fratres de Sparn hanc Domum aedificare inceperunt, in Ao 1567 cum gratia Dei patris nostri Jesu Christi consummaverunt per Joachimum de Roncha ex Italia de Manilia.
     
    Soli Deo Gloria.
    Renovat. In Ao 1580.
    Also etwa:
    Der Herr schütze und bewahre uns. Psalm 126. (muß heißen: Psalm 127) »Wo der Herr nicht das Haus bauet, so arbeiten umsonst, die dran bauen.« Anno 1565 haben die Brüder Arend und Christoph von Sparr dies Haus zu bauen angefangen; Anno 1567 haben sie es durch die Gnade Gottes und unseres Heilands Jesu Christi beendigt und zwar unter Leitung Joachims von Roncha aus Manilia in Italien. Ruhm dem alleinigen Gott. Erneuert Anno 1580.
    Diese Inschrift, wiewohl bis diesen Tag in aller Deutlichkeit zu lesen, hat zwei schwache Punkte: einmal den Namen und Geburtsort des italienischen Baumeisters, dann die Renovierungs-Jahreszahl 1580. Es ist mindestens ungewöhnlich, daß ein überaus solid aufgeführter Schloßbau nach dreizehn Jahren schon wieder renoviert wird. Aber dies ist unwichtiger. Wichtiger ist die Frage: wer war dieser Joachim von Roncha aus Manilia in Italien? gibt es ein Manilia, gibt es einen Roncha? oder ist alles Irrtum und Verdrehung von Anfang bis zu Ende? Mörner hat folgende Lesart vorgeschlagen: per Fra. Chiaramellum (da Gandino) ex Italia de Venetia, wobei er sich auf die Tatsache beruft, daß es einen Joachim von Roncha niemals gab, wohl aber einen Francesco Chiaramelo oder Chiaramelli (da Gandino), der von 1562–1565 die Festung Spandau zu bauen begann.
    Diese Mörnersche Interpretation ist außerordentlich scharfsinnig und möglicherweise zutreffend. Wir lassen sie jedoch auf sich beruhen und treten lieber in den Schloßbau selber ein.
    Im Vorflur empfängt uns ein alter Herr, der Freund und Majordomus des Hauses, der in Abwesenheit des Besitzers die Repräsentation auf sich genommen hat. Wir nennen ihm unsere Namen, er zieht sein Käpsel und mit dem plauder-gemütlichsten Cicerone-Ton von der Welt, nicht ohne liebenswürdigen Anflug von Humor und Satire, beginnt er: »Sie werden hier eine der sonderbarsten Bauschöpfungen alter und neuer Zeit kennenlernen. Das Schloß hat weder Treppe noch Küche und besteht ausschließlich aus zwölf Zimmern und zwölf Klosetts.«
    So eingeführt, beginnen wir unsern Umgang und überzeugen uns alsbald, daß eine präzisere Totalbeschreibung des Schlosses und seiner baulichen Absonderlichkeiten nicht wohl gegeben werden konnte. Was sich der Baumeister, er heiße nun Chiaramelli oder Roncha, bei dieser Herrichtung gedacht haben mag, ist schwer zu sagen. Wohl bin ich Schlössern begegnet, z.B. dem berühmten Lochlevenschloß in Schottland, in denen die besondere Dicke der Mauern ebenfalls zur Herstellung solcher »Bequemlichkeiten« dienen mußte, weil es im übrigen an Raum gebrach. Wenn es indessen irgend etwas gibt, dessen das Lichterfelder Schloß nun gerade nicht ermangelt, so ist es Raum. Seine Dielen und Flure wirken wie Hallen und seine Zimmer wie Säle.
    Unser Cicerone sprach aber auch die Worte: »keine Treppe und keine Küche.« Und auch damit hat es seine Richtigkeit. Wenigstens gehabt. Was die Treppe

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